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Angst vor dem Tod

“Nur ein Leben, das ein Leben im Körper sucht, fürchtet das Grab. “
(Khalil Gibran)

“Zwischen Sekunde und Sekunde liegt immer eine Grenze, die ist nicht in der Zeit, die ist nur gedacht.
‘Das sind so Maschen wie bei einem Netz’ … und diese Grenzen zusammengezählt sind noch immer keine Zeit, aber wir denken sie doch – einmal, noch einmal, noch eine, eine vierte -
Und wenn wir nur in diesen Grenzen leben und die Minuten und Sekunden vergessen und nicht mehr wissen, dann sind wir gestorben, dann leben wir den Tod.
Ihr lebet fünfzig Jahre lang, davon stiehlt euch die Schule zehn: sind vierzig.
Und zwanzig frisst der Schlaf: sind zwanzig.
Und zehn die Sorgen, macht zehn.
Und fünf Jahre regnet es: bleiben fünf.
Von diesen fürchtet ihr euch vier hindurch vor morgen, so lebet ihr ein Jahr – vielleicht.
Warum wollt ihr nicht sterben?
Der Tod ist schön.
Da ist Ruhe, immer Ruhe.
Und keine Sorgen vor morgen.
Da ist die schweigende Gegenwart, die ihr nicht kennt, da ist kein Früher und kein Später.”
Da liegt die schweigende Gegenwart, die ihr nicht kennt! Das sind die verborgenen Maschen zwischen Sekunde zu Sekunde im Netz der Zeit.”
(Gustav Meyrink, “Bal Macabre”)

“Ich lache, ja lache dem Auf und Ab, dem hetzenden Jagen zum Tod' und zum Grab! In mir steh' ich fest im Wirbel der Zeit; denn ich habe im Herzen die Ewigkeit!”
(Upanishad)

Warum fürchten die Menschen den Tod?

In der Vorstellung der meisten Menschen ist Tod gleichbedeutend mit dem Ende ihres Lebens oder besser ihrer Existenz, ihrer sinnlichen Wahrnehmung der Welt, so als würde jemand den Stecker aus dem Fernseher ziehen.

Das, was gewöhnlich unter “Leben” verstanden wird ist der sinnlich wahrgenommene Zeitabschnitt zwischen Geburt und Tod. Diesem Leben versucht man einen Sinn, zumindest einen Inhalt zu geben, indem man sich Ziele setzt oder vorgegebenen Zielvorstellungen folgt.
Man erstrebt ein gutes, angenehmes, erfolgreiches Leben und vor allem Gesundheit.
Ständig jagt man Vergänglichem hinterher, das man weder greifen noch halten kann – wie Wasser rinnt es durch die Finger ...

Man sieht sich abhängig von gesellschaftlichen Normen, meint sich geprägt vom sozialen Umfeld, den Lebensumständen, ist also im Grunde in einem Netz von Abhängigkeiten verfangen.
Man redet von Freiheit der Entscheidung oder des Wollens, vom guten oder schlechten Lebensumfeld, von guten oder schlechten sozialen Verhältnissen, von Chancengleichheit usw.
Man führt seine körperliche Konstitution, seine geistigen Eigenschaften auf die Vererbung zurück, die Gene – wer “gute” Gene hat, hat Glück gehabt.
Wer zufällig in “guten” Lebensumständen geboren ist, keine geistigen oder körperlichen Gebrechen oder Behinderungen aufweist, meint gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches und angenehmes Leben zu haben.

Doch letztlich erkennt niemand oder hat niemand den Mut sich einzugestehen, dass ein solches “Leben” gar kein Leben ist. Man existiert zwar, jedoch ist man getrieben davon das Unangenehme zu meiden, sucht nach Bequemlichkeit und sinnlichem Genuß, nach Besitz und Wohlstand und dem, was man “Freiheit” nennt.
Die meisten Streben nach einem langen und gesunden Leben in Wohlstand und Ruhe, also Stagnation.

Ein solches Leben ist trügerisch, flüchtig und nichtig.
So wie eine Kerze nur solange brennt bis die Substanz der Kerze aufgebraucht ist, sehen die Menschen nur, das die Substanz schwindet, das Leben unaufhörlich seinem unbestimmbaren Endpunkt entgegen geht, wo die Flamme verlischt.
So stürzt man sich in allerlei sinnliche Vergnügungen und Ablenkungen, nur im nicht nachdenken zu müssen …

Vergänglich ist jedes Gut der Sterblichen
Das gilt von den Gütern, nach denen alles rennt, um sie zu erhaschen. Und es gilt von der Furcht sie wieder zu verlieren.
Mehr leidet als nötig, wer eher leidet als nötig ist ...
was immer es ist dessen "Besitzer" du dich nennst - es ist nur bei dir, es ist nicht dein.

(Seneca)



Wer nachdenkt muss letztlich, sofern er diese Lebenseinstellung hat, zu folgenden Schlussfolgerungen kommen:

Mein Leben ist ein Produkt “zufälliger” chemischer und physikalischer Vorgänge.
Meine körperliche und geistige Konstitution ist weitestgehend von meinen Genen geprägt, darüberhinaus von meinem Lebensumfeld, kommt also letztlich nicht von mir und ist im Grund ebenfalls “zufällig”, da ich diese ja vor meiner Geburt nicht beeinflussen konnte.
Ich muss entweder das Maximum an sinnlichem Genuss aus dem Leben heraus holen, um es nicht zu vergeuden oder daran zugrunde gehen, verzweifeln, scheitern.
Ich muss versuchen möglichst lange und leidfrei zu leben, um das Ende möglichst lange hinauszuschieben.
Einen tieferen Sinn gibt es nicht.
Ein Ziel über den Tod hinaus oder eine Verantwortung gibt es nicht, da meine Einzelexistenz dann endet und mein Tun keine nachtodlichen Folgen für mich haben kann und wird.
Letztendlich muss ich an mich und mein Wohlergehen denken.
Wenn das Leben jedes Einzelnen letztlich nur ein Strohfeuer ist, so muss folglich auch der gesamte Rahmen: die Welt, das Universum ein ebensolches sein.
Es kam und geht wieder – woher, wohin und vor allem warum ist nicht zu ergründen, da am Anfang und Ende das Nichts steht – kein Stoff, kein Geist, keine Farbe, kein Ton.

Allerdings fängt hier das Dilemma an. Kein Mensch kann sich “Nichts” vorstellen, kein Mensch kann völlig ohne sinnliche Wahrnehmung oder Bewusstsein existieren, sei es noch so verkümmert.

Den eigentlichen Sinn ergründet man erst, wenn man dem Sinnenkarussell einhalt gebietet, innehält und eigenständig und logisch denkt.

Das wahrgenommene Lebensintervall ist ja nicht losgelöst von dem Großen, von dem man ein Teil ist, gleichsam so, wie der Wassertropfen Teil des Ozeans ist.

Es gab Leben davor und gibt solches danach. Leben ist mehr als zeitlich begrenzte Existenz – es ist allgegenwärtig und immerwährend, es kann nicht aus dem “Nichts” entstehen.
Es gilt zu unterscheiden zwischen dem zeitlosen Leben und der zeitlich begrenzten Lebensform als Ausdruck desselben.
Leben ist somit eine Kraft, die alles durchwirkt und antreibt.
Einen Sinn hat meine jetzige Existenz nur als Zwischenglied zwischen einem Vorher und einem Nachher.
Es gibt keinen “Gott”, der eine Welt nach seinem Gutdünken erschaffen hat – wo soll er herkommen, wenn die Welt erst durch seine Schöpfung entsteht, wo soll er sich aufhalten?
Und wenn er sich irgendwo aufhält, ist er begrenzt und somit kein ausserhalb der Schöpfung stehendes Wesen – gemeint ist hier natürlich die gängige personalisierte Gottesvorstellung, der “alte Mann mit Bart, der auf einer Wolke sitzt.”
Was man jedoch erkennt ist eine Ordnung in allem Geschehen: seien dies die Naturgesetze, der Wechsel der Jahreszeiten oder die Entwicklung des Lebens von niederen zu höheren Formen.
Die Materie hat diese nicht aus sich selbst geschaffen, denn sie ist tot – materialistisch betrachtet.

Sie kann also weder Gefühle noch Geist hervorbringen – oder kann ein Stein weinen oder können sich Steine spontan oder nach Absprache zu einer Kathedrale zusammenfügen?

Die Kathedrale existiert zunächst in der Vorstellung des Baumeistersals Bild. Erst dann wird die Materie in Bewegung gesetzt, geformt, geordnet – dem geistigen Bild und vor allem dem Willen folgend, diese Kathedrale zu bauen.

Grundlage, Grundvoraussetzung einer Schöpfung ist also der schöpferische Gedanke und eine gleichgerichteter Wille, nicht das Material.

So ist die eigentliche Ursache alles Seins nicht in zufälligen chemischen oder physikalischen Vorgängen, sondern in einem schöpferischen Gedanken, gepaart oder getrieben von einem schöpferischen Willen zu suchen, die beide auf einen Stoff (die Materie) einwirken.

Ursächlich ist also der Geist, losgelöst vom Stoff, und seine schöpferische Idee, sein “Bauplan”.

Hier ruft der Intellekt natürlich gleich wieder nach einem (sinnlich wahrnehmbaren) Beweis, gibt sich aber zur gleichen Zeit damit zufrieden, das er die letzte Ursache, Ziel und Sinn seines Weltbildes nicht ergründen kann.
(Der Intellekt ist nichts ohne die Sinne – zu wahrer Erkenntnis bedarf es höherer, sinnenunabhängiger Wahrnehmungsfähigkeiten. Der Intellekt sieht und beschreibt die Oberfläche, das Wesen sieht und kennt er nicht.)

Wäre es da nicht sinnvoller zu vermuten, dass es letztlich keinen Anfang und kein Ende gibt, nur ewiges Sein und Leben und das man eine solche Unendlichkeit gar nicht beweisen kann, da sie dem menschlichen Verstande (dem Intellekt) gar nicht greifbar ist?
Was weiß man denn schon von den unermesslichen Weiten des Raumes und der Zeit, den unzählbaren Manifestationsformen des Lebens? Wie kann man so arrogant und dumm sein, anzunehmen es gäbe ausserhalb der Erde kein Leben, nur weil dies ausserhalb des begrenzten menschlichen Horizonts liegt?

Hier waltenKleingeistigkeit und letztlich Dummheit, die ja gleichbedeutend mit Begrenztheit ist, Begrenztheit auf die Materie, das Arbeitsmaterial – den Konstruktionsplan sieht niemand und das, was man zu erkennen glaubt in der Wissenschaft ist armselig, ein Hirngespinst.

Die wirklich großen Geister haben sehr viel weiter gedacht.
Da eben die eigentliche Wirklichkeit geistiger Natur ist, kann sie von einem stumpfsinnigen Materialisten nicht wahrgenommen, nicht einmal geahnt werden, denn er ist blind und taub und empfindungslos zugleich – bezogen auf das Wesen der Dinge.

Wenn das Leben keinen Anfang und kein Ende hat, aber offensichtlich da ist, so muss es auch eine Zielrichtung haben und diese kann nur in der Weiter- und Höherentwicklung bestehen.
So muss jede gegenwärtig höherentwickelte Lebensform sich aus niederen entwickelt haben und die gegenwärtig niederen Formen müssen sich folglich zu höheren entwickeln.
Also ist jede Lebensform nur eine Momentaufnahme ihres Entwicklungsweges und vor allem muss hinter jeder individuellen Lebensform jemand sein, der den Weg geht, die Körperkleider der jeweiligen Lebensform annimmt!
Daraus folgt, dass auch die materielle Daseinsstufe nur ein Zwischenschritt sein kann, hinführendzu höheren Stufen, die wir uns nicht vorstellen können.
Im Sinne dieses Entwicklungsgedankens ist es ebenso zwingend wie logisch, dass jedes Wesen eine Vielzahl von Verkörperungen durchmachen muss, um seiner (bzw der allgemeinen) Entwicklungslinie zu folgen, woraus sich der Gedanke der “Reinkarnation” erklärt.
Eine Folge von unabhängigen Einzelexistenz würde diese Kontinuität der Entwicklung durchbrechen.

Folglich muss jede Handlung, die ein solches Wesen begeht, Folgen haben – für das Wesen selbst und all die anderen, mit denen es in Verbingung steht – das ist der Grundgedanke des Karma.
Denn nur auf diesem Weg kann Fortentwicklung entstehen, indem man Fehler macht und daraus lernt, wie ja jeder aus seiner täglichen Lebenserfahrung weiß.
So ist das Leben oder der Lebensweg eine Lebensschule.

In diesem Licht betrachtet, ist der Tod eine Pforte, ein Übergang von einer Existenz- oder Entwicklungsstufe zur nächsten, idealerweise höheren Stufe.
Aber wie in der Schule gibt es Lebensschüler, die nach oben streben und weiterkommen und solche, die sich nicht bemühen und zurückbleiben.
Wer sich am Vergänglichen orientiert, wird darin zerriben, zerrissen – wer sich am Unvergänglichen orientiert, steht fest.