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Betrachtungen

"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert."
(Oscar Wilde)

Zwei Sichtweisen

Man kann eine Landschaft ganz sachlich beschreiben oder abstrakt auf einer Landkarte abbilden.
Eine Jahreszeit kann man einfach benennen: Frühling, Sommer, Herbst, Winter.
Man kann sie charakterisieren, etwa den Herbst durch Herbstlaub, den Winter durch Schnee oder Kälte oder das Wetter in einem leblosen und einschläfernden Wetterbericht versachlichen.

Man kann den Frühling oder den Herbst aber auch erleben, ihn in Bezug zu seinem Leben setzen, in als Teil und Ausdruck einer größeren Ordnung sehen, in den er
und man selbst, der Mensch, eingebettet ist.

Wie arm sind doch alle intellektuellen Beschreibungen und Kategorisierungen verglichen mit der lebendig erlebten Wahrnehmung, dem intuitiven Erfassen des Ganzen.
Wie überlegen sind die inneren Sinne den äußeren!
Wie blutleer sind die funktionalen Beschreibungen der Wissenschaft verglichenmit jenen der Lyrik...

Zwei Beispiele zum Thema "Herbst" sollen diese Art der Wahrnehmung verdeutlichen.

I - die wissenschaftliche Beschreibung:

Der Herbst als eine der vier meteorologischen und astronomischen Jahreszeiten ist die Jahreszeit zwischen Sommer und Winter.
In den gemäßigten Zonen ist er die Zeit der Ernte und des Blätterfalls.
Im Herbst der Nordhalbkugel bewegt sich die Sonne scheinbar vom Himmelsäquator zum südlichen Wendekreis.
(Quelle: Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Herbst)

II - die lyrische Beschreibung:

Herbstgeruch
(Hermann Hesse)
Wieder hat ein Sommer uns verlassen,
Starb dahin in einem Spätgewitter.
Regen rauscht geduldig, und im nassen
Walde duftet es so bang und bitter.

Herbstzeitlose starrt im Grase bläßlich
Und der Pilze wucherndes Gedränge.
Unser Tal, noch gestern unermeßlich
Weit und licht, verhüllt sich und wird enge.

Enge wird und duftet bang und bitter
Diese Welt, dem Lichte abgewendet.
Rüsten wir uns auf das Spätgewitter,
Daß des Lebens Sommertraum beendet.

Herbststimmung (Rainer Maria Rilke)

Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,
an dessen Türe schon der Tod steht still;
auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer,
wie der der Kerze, die verlöschen will.

Das Regenwasser röchelt in den Rinnen,
der matte Wind hält Blätterleichenschau; -
und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen
ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.

Wer tiefer blickt, erkennt: man kann immer nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.
Alles Geschehen ist sinnhaft und sinnvoll. Alles Geschehen ist Folge des Gesetzes von Ursache und Wirkung, des Ausgleichsgesetzes.
So ist alles Geschehen miteinander und ineinander verwoben.

Unglücke, die einem Menschen widerfahren (Unfälle oder Krankheiten usw.) passieren niemals "zufällig" in Sinne von unvorhersehbar und sinnlos.
Es ist vielmehr so, dass jedem, die für ihn in einer bestimmten Entwicklungsphase (=Zeitpunkt) die zugehörigen Ereignisse "zu-fallen", so wie reife Früchte vom Baum fallen. Diese Ereignisse sind Auslösungen reif gewordenen Karmas, einer Schicksalsernte.
Dieses Karma an sich ist frei von den Wertungen (gut oder schlecht), die einzig den vorherrschenden menschlichen Einstellungen zum Leben entspringen.
Jeder will Leiden vermeiden und doch können die meisten nur durch Leiden sich weiterentwickeln, ihre gewohnten Bahnen verlassend um neue Entwicklungswege zu gehen…wenigen mag dies durch Einsicht gelingen …
Der Grundirrtum entspringt der Annahme die sinnlich wahrgenommene Welt sei "alles" und die sinnlichen Genüsse das Wesentliche.
Ein solches Leben ist leer und im Grunde ein dumpfes Dahinvegetieren und vor allem: völlig sinnlos, da es sich ja - nach vorherrschender Überzeugung - nur im Intervall zwischen Geburt und Tod abspielt.
Der Tod löscht dies - der Logik dieser Sichtweise konsequent folgend - alles in einem Moment aus, weshalb ihn jeder fürchtet und verdrängt. Es ist der unerbittliche Abgrund, dem sich jeder so denkende mit jedem Atemzug unaufhaltsam nähert.
Dieser Gedanke, diese Aussichten müssen doch im Grunde jeden, dein eine Zeit lang darüber nachdenkt am Leben irre werden lassen ...
Eben dieses Nachdenken, wird aber irgendwann die Erkenntnis und Einsicht reifen lassen, dass alles im Universum und somit alle Ereignisse, neben den bekannten Naturgesetzen, den Lebensgesetzen unterliegen.
Die wichtigsten Gesetze sind neben der Tatsache der "Einheit allen Seins" (alles besteht aus dem gleichen Urstoff, der "Energie") das "Gesetz der Höherentwicklung allen Seins" und das damit verbundene "Gesetz von Ursache und Wirkung", und dem daraus folgenden "Ausgleichsgesetz" .
Alle Gedanken, Gefühle, Taten weben das Netz des Karma - einen Weg des Leidens und Lernens oder des Lernens mit seinen verschiedenen Lernaufgaben.
Leiden ist nichts weiter als Reibung zwischen dem, was das Gesetz der Höherentwicklung "will" und dem was das menschliche ICH "will".
Schopenhauer definiert es als „Durchkreuzung des Willens“.
Je mehr ich nun dem Ganzen mich einordne, diesem diene, desto kleiner wird mein Ichwille und desto geringer die Reibungen und somit das von mir empfundene Leid.
Die Lernaufgaben sind nun in jedem Leben, dass man einer Schulklasse vergleichen kann, eine andere. Definiert bzw. ersichtlich sind diese im Radixhoroskop und somit in ihrem Wesen erkennbar und in ihrem Ablauf (ihrer zeitlichen Auslösung) deutbar.
All dies ist über den Zeitpunkt meiner Geburt und den Geburtsort festgelegt in seinem strukturellen Verlauf, nicht in den Details, da ich ja die Ereignisse durch meinen Willen in einem gewissen Rahmen beeinflussen und lenken kann.
Spätestens hier wird dann deutlich: "Jeder ist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort."
Alles Geschehen unterliegt Gesetzen und ist sinnhaft.



Oftmals kann man beobachten, dass Menschen bei schicksalhaft empfundenen Ereignissen (überwiegend bei für sie angenehmen Ereignissen) mit dem Zeigefinger nach oben, zum Himmel zeigen.
Möglicherweise hängt dies zusammen mit der Redewendung: „Alles Gute kommt von oben.“

Die Grundannahme ist hier: „Da oben sitzt jemand, der über das – bzw. mein – Schicksal wacht und mich belohnt oder bestraft.
Doch das ist ein Irrtum, der kleinmenschlichem Denken entspringt und im Grunde egoistischer Natur ist.

Da oben ist niemand!
Juri Gagarin, ein russischer Kosmonaut, soll ja gesagt haben: "Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen."
Im Grunde ist es ja albern, sich Gott als einen alten bärtigen Mann vorzustellen, der auf einer Wolke durch den Weltraum schwebt.
Was für ein erbärmlicher Gott wäre dies …!?
Gott steht nicht ausserhalb des Universums und bedient dieses wie eine Maschine - oder wie Goethe es ausdrückt:
"Was wär ein Gott,
der nur von außen stieße,
im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
so daß, was in ihm lebt und webt und ist,
nie seine Kraft, nie seinen Geist vermißt.
"

Ebenso so unrichtig ist die Vorstellung von Himmel und Hölle im Sinne konkreter Orte (wie sie z.B. in den Gemälden von Hieronymus Bosch so eindrücklich dargestellt sind).
Das sind sie nicht. Es sind Zustände seelisch-geistiger Art. Jeder schafft sich seinen Himmel und seine Hölle selbst - in sich!

Um sich dem göttlichen Wesen und Wirken anzunähern sollte man von diesen begrenzten Bildern weggehen und abstrahieren.
Daher scheint mir der Begriff „Weltgeist“ hier weniger irreführend, da er die Vorstellung eines personalisierten Gottes nicht in sich birgt und gar nicht als Gedankenbild aufkommen lässt.
Dieser Weltgeist ist die oberste erste Ursache, ein „lebendiger Geist, der das All bewegt und sich hinter dem sichtbaren Kosmos verbirgt“ (K.O. Schmidt), der lediglich die Auswirkung seiner Manifestation ist.
Der Begriff „Religion“ meint die innere Verbindung zu dieser obersten ersten Ursache, dem Urgrund.
Je nach Entwicklungsgrad des Menschen hat diese „Religiosität“ oder Verbindung mit dem Weltgeist, verschiedene Grade (frei übersetzt nach Franz Hartmann):
Der höchste Grad ist die Einheit des Menschen mit der obersten ersten Ursache, aus der sein Wesen im Uranfang hervorging.
Der mittlere Grad sieht lediglich die Verbindungen zwischen dem Urgrund und dem Menschen, die Verbindung zwischen Mikro- und Makrokosmos.
Der untere Grad schließlich zeigt sich in der Verherrlichung oder Verehrung toter Formen, der Verehrung von Fetischen, oder den fruchtlosen Versuchen von einer imaginären Gottheit persönliche Begünstigungen zu erbetteln, egoistische Motive sind hier ausschlaggebend.
Auf dieser Stufe steht die Der da oben“ – Geste.

Es gibt ja keine Begünstigungen, Belohnungen oder Strafen – es gibt lediglich Lernaufgaben, die dem Ziel der Höherentwicklung zur obersten Stufe der Religiosität, zur Erkenntnis der Einheit allen Seins, die primär geistiger Natur ist.
Die richtig verstandene Geste würde auf das Herz verweisen: "Der da drinnen!"

Zugang zum Wesenhaften

Einen Zugang zum Wesenhaften zu finden ist schwierig für den in materieller Sicht Befangenen oder reinen Sinnenmenschen.
Wesenhaft ist das, was hinter den Dingen steht, was durch sie wirkt und ihnen Sinn gibt.
Die Frage ist: Wie gelangt man von der materiellen Welt zu der Sicht eines höheren Seins, das geistiger Natur ist?
Über Meditation, Fasten, Bücher lesen? Welche Brücken gibt es? Welche Anhaltspunkte?

Die Illusion der materiellen Welt ist perfekt, logisch und abgeschlossen, festen Regeln, d.h. Naturgesetzen folgend. Was brauche ich mehr?
(Ich kann einen solchen Standpunkt voll und ganz nachvollziehen, halte ihn jedoch für unvollständig.)

Verständlicherweise sieht der Sinnenmensch die Dinge als bloße Sinneseindrücke, vergänglich und ohne Inhalt:
Zum Genießen sind sie da, denn sein Wahrnehmungsapparat ist ja beschränkt auf die körperlichen Sinne, die äußere Eigenschaften der Materie, wie Geruch, Aussehen, Geschmack ..usw. registrieren.

Der Tod als Ende der sinnlichen Wahrnehmung und der persönlichen Existenz wird dann natürlich sinnigerweise auf einen weit entfernten Zeitort in der Zukunft verbannt, verdrängt aus dem Denken und Dasein.
Und doch ist gerade die Auseinandersetzung mit ihm der Schlüssel zum Verständnis des Lebens!

Denn nichts hat Bestand, schon gar nicht der Mensch selbst, gefangen und aufblitzend nur in dem kurzen Intervall zwischen Leben und Tod.
Im Sinnenkäfig baut sich der Sinnenmensch seine Welt, geht die scheinbar gefestigten Wege des Vergänglichen, gibt sich vermeintlichen, Schein-Sicherheiten hin, die mit ihm vergehen.
Die Routine des Alltags gaukelt ihm, vorgelebt von Millionen anderer, vermeintliche Sicherheit und Beständigkeit vor. Doch nagt die Zeit, das Alter an diesem Bau und trägt ihn ab, unmerklich im Augenblick, doch beständig in der Dauer ihrer Wirkung - ihr vollendetes Zerstörungswerk zeigend im Alter.

Alle stürzen in den gleichen Abgrund.

Und dann, am Ende ist der Schleier des Scheins gelüftet; stellt man fest, dass da nichts ist, keine innere Festigkeit, die Halt gibt!
Denn man hat nur dem Schein gelebt, nach Sein niemals gestrebt.
Und doch gibt es dieses Sein. Es ist das, was hinter den Dingen wirkt, durch diese wirkt und sie sinnhaft verbindet.
Betrachtet man die Ereignisse seines Lebens, so ist da doch etwas von diesen Unabhängiges, das Beobachtende, das außerhalb der Sinne zu sein scheint …
Beweisen im Sinne von „Da ist das Sein! Da steht der Sinn!“ ist nicht möglich, da es keine Orte oder räumlich greifbare Dinge, sondern innere Zustände sind, die erlebt werden müssen. Man kann sie nicht kaufen in einer 100g Packung „Sein“ oder „Sinn“.
Man lernt sie nicht in der Schule und nicht aus Büchern.
Man trägt sie in sich und muss sie dort finden und empfinden, nachprüfen und erfahren.
Man kann sie auch für bloße Einbildung halten. Auch das ist nachvollziehbar.

Jene Menschen, die hier einen Übergang bilden vom Schein zum Sein, zumindest ahnend und ausdrückend in Worten, sind die großen Dichter, die Dinge und Ereignisse auf einer höheren Stufe miteinander verweben, zu einem höheren Sein, etwas Organischem - Sein und (empfundenen) Sinn so verknüpfend.

Hier ein paar zufällig ausgewählte Beispiele, die man einfach auf sich wirken lassen sollte und die vielleicht als Brücke dienen können …:
Hermann Hesse:

Wunder der Liebe
Oft will das Leben nicht mehr weitergehn,
Bleibt schwarz und zögernd stehen –
O schauerlich verwirrte Tage,
Da alles Lebende in uns sich selber hasst,
Sich selbst an der verhassten Gurgel fasst,
Anklagend sich und Gott in frevelhafter Frage!

O Wunder, wenn uns dann die Liebe naht
Und unsern finstern Pfad
Mit ihrer stillen Flamme lichtet!
Wär diese Gnade nicht, längst hätten wir
Uns ganz verirrt ins teuflische Revier
Und Licht und Gott in uns vernichtet.

Zwei Auszüge aus Gedichten von Rainer Maria Rilke:

Ich finde dich in allen Dingen,
Denen ich gut und wie ein Bruder bin;
Als Samen sonnst du dich in den geringen
Und in den großen gibst du groß dich hin.

Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,
Dass sie so dienend durch die Dinge gehen:
In Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
Und in den Wipfeln wie ein Auferstehen.



Mein Sinn ist tiefer als das witzige Spiel
Mit unsrer Furcht, darin er sich gefällt.
Ich bin die Welt,
Aus der er irrend fiel



Vielleicht ist das, was sich in solchen Gedichten Ausdruck verschafft, so etwas wie eine erste Stufe des „Erwachens“, vom dem so viel geredet wird.
Ich selbst kenne diesen Zustand nicht.
Lediglich empfinde ich, dass da „Mehr“ ist, etwas, das hinter allem wirkt, ihm Sinn gibt, das „Wunderbare im Alltäglichen“– mehr nicht.
Zumindest mag es ein erster Schritt sein …von vielen, die noch folgen werden.
Wohin der Weg führt – auch das weiß ich nicht …

Man kann sich als Mensch auf seine alltäglichen Beschäftigungen und Pflichten beschränken, von diesen so völlig eingenommen sein, dass das Leben an einem vorbeizieht. Man begnügt sich mit banalen Antworten auf Sinnfragen und macht sich nicht die Mühe selbst nachzudenken.
Man lebt und stirbt.
Ist das alles?
Nein!
Im Grunde hat solch ein Mensch nicht gelebt, denn Leben ist mehr als Sinnenbefriedigung, die den Seelenhunger niemals stillen kann.
Jener, der tiefer blickt, Fragen stellt, eigene Antworten sucht, innehält in der Geschäftigkeit des Alltags, wird sich irgendwann des Gefühls oder der Ahnung nicht verschließen können, dass da mehr sein muss, mehr ist!
Ich bin als Mensch Teil eines Ganzen, das meine körperliche Erscheinung wie mein Vorstellungsvermögen im unvorstellbaren und schwindelerregenden Maße übersteigt.
Ist das Ganze ein Uhrwerk, ein lebloser Mechanismus?

Das Ganze ist „jene Allseele, in der jedes Menschen Sondersein enthalten ist und in Übereinstimmung mit dem Ganzen gebracht wird.“
Wir leben im Nacheinander der Zeitlichkeit, als Teile und Teilchen des Ganzen.
Aber im Innern jedes Menschen ist doch die Seele des Ganzen, das weise Schweigen, die Schönheit des Alls, in der jeder Teil und jedes Teilchen in gleicher Weise eingebettet ist: das ewig Eine.

Wird sich der Mensch dieser Einheit bewusst, so erkennt er, „dass das, was ist, so sein muss, wie es ist, gut ist, weil hinter allem, was ist und geschieht, der Wille des Geistes des Lebens steht.
Dieses Bewusstwerden ist zunächst ein Ahnen, „wie die Kräfte unseres geistigen Wesens durch die hehren Einflüsse der Natur bewegt und beherrscht werden!
… die Macht jenes ungeheuren und allgemeinen Magnetismus, der das Leben der Schöpfung ist und das Atom an das Ganze bindet. Ein wunderbares und nicht zu erklärendes Bewusstsein von Kraft, von dem großen Etwas in dem vergänglichen Staube erweckte …


Die eigentliche Grundkraft im Ganzen ist das Leben, die schöpferische Kraft, die immer neue Formen des Lebens wirkt. So ist Leben in allem, ist das ganze Sein von Leben durchwirkt.

Der Mensch ist im Verhältnis zu seiner Unwissenheit anmaßend. Sein natürlicher Hang ist Egoismus. In der Kindheit seines Wissens glaubt er, die ganze Schöpfung sei für ihn gemacht. Mehrere Jahrhunderte hindurch sah er in den unzähligen Welten, welche wie die Wassersprudel eines uferlosen Ozeans durch den unermesslichen Raum funkeln, nur die kleinen Lichter, die nützlichen Fackeln, welche der Vorsehung zu keinem anderen Zwecke anzuzünden gefallen habe, als um die Nacht den Menschen angenehmer zu machen.
Die Astronomie hat diese Täuschung menschlicher Eitelkeit berichtigt, und der Mensch gibt jetzt mit Widerstreben zu, dass die Sterne Welten sind, größer und herrlicher als die seine, dass die Erde, auf der er umherkriecht, ein kaum sichtbarer Punkt auf der ungeheuren Karte der Schöpfung ist.
Aber im Kleinen wie im Großen ist Gott gleich verschwenderisch mit dem Leben.
Der Wanderer sieht hinauf zu dem Baume und bildet sich ein, seine Zweige seien da, um ihm vor der Sommersonne Schatten zu gewähren oder ihm zur Feuerung in der Winterkälte zu dienen.
Aber in jedem Blatte dieser Zweige hat der Schöpfer eine Welt geschaffen, es wimmelt von unzähligen Tiergeschlechtern.
Jeder Tropfen Wasser in einen Teiche ist eine Kugel, bevölkerter als ein Königreich mit Menschen. Überall bringt daher die Wissenschaft in diesem unermesslichen Plane neues Leben ans Licht.
Das Leben ist das eine, allverbreitete Prinzip, und selbst das Wesen, das zu sterben und zu vermodern scheint, erzeugt nur neues Leben und geht in neue Formen der Materie über.
Wenn daher jedes Blatt, wenn jeder Tropfen Wasser ebenso eine bewohnbare und atmende Welt ist wie jener Stern, ja, wenn der Mensch selbst eine Welt ist für andere Leben und Millionen und Myriaden in den Bächen seines Blutes hausen und seinen Körper bewohnen wie der Mensch die Erde, sollte der gemeine Menschenverstand (wenn Eure Gelehrten ihn hätten) nicht hinreichen, um sie zu belehren, dass jene die Erde umfließende Unendlichkeit, welche ihr den Raum nennt – das grenzenlose Ungreifbare, das die Erde vom Mond und von den Sternen trennt – auch von ihm entsprechenden, eigentümlichen Leben erfüllt ist?
Ist es nicht unglaublich töricht, zu meinen, dass, während jedes Blatt von Wesen wimmelt, sie doch im unermesslichen Raume fehlen?
Das Gesetz der großen Schöpfung verbietet die Verschwendung auch nur eines Atoms. Es kennt keinen Ort, an dem nicht etwas Lebendiges atmete.
Das Beinhaus selbst ist die Pflanzschule der Erzeugung und Belebung. Ist das wahr?
Nun denn, können Sie noch denken, dass der Raum, der die Unendlichkeit selbst ist, allein eine Öde, allein leblos sei, weniger dienend dem einen Plane des allgemeinen Seins als das Gerippe eines Hundes, als das bevölkerte Blatt oder das wimmelnde Kügelchen?
Das Mikroskop zeigt Ihnen die winzigen Geschöpfe auf dem Blatte; noch ist das Fernrohr nicht erfunden, mit dem man die edleren und begabteren Wesen entdeckt, die im unbegrenzten Äther schweben…


(Zitate von KOS und Edward Bulwer-Lytton)

Das Fortschreiten in wachsender Erkenntnis gleicht dem Abnehmen der Schalen einer Zwiebel.
Jede entfernte Schale führt näher zum Inneren. Hinter der letzten Schale wird man dann erstaunt feststellen, dass da kein Kern ist.
Man entblättert das Nichts, das zugleich Alles ist, das alles in sich birgt. Unmanifestiert, unoffenbart trägt es die Ideen alles Dinglichen in sich.
So endet jede Teilung letztlich in diesem All-Nichts. Hier erschließt sich der Sinn des Goetheschen Wortes:
Natur hat weder Kern Noch Schale, Alles ist sie mit einem Male.

Woran kann man sich im Leben halten, wonach orientieren?
Ausgangspunkt der Betrachtung ist der Alltag mit seinen Ereignissen und Pflichten.
Zum größten Teil besteht er aus Routine: Schlafen, Essen, Arbeiten, Familie, Vergnügungen.
Hier folgt man eher bestimmten Automatismen, geht feste, scheinbar immer gleiche Wege.
Kaum wird man in diesem „Getriebensein„ als Spielball von Normen und Ereignissen je innehalten und über den Sinn nachdenken.
Unangenehme Situationen versucht man zu vermeiden oder ihnen schnellstmöglich zu entfliehen, meist durch irgendeine Art von Ablenkung, äußerem Lärm und Getue.
Im Grunde geht es um die möglichst gute Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse, der "Sinnenbelustigung", des körperlichen Wohlbefindens. Solange es einem gut geht, wähnt man sich vielleicht gar im „Glück„.
In diesem Strudel gefangen, erkennt man nicht, dass alles vergeht, dass es unmöglich ist, einen Augenblick des sogenannten „Glücks„ festzuhalten, ihm Dauer zu verleihen.
Es bedarf einschneidender Ereignisse, eines aus der Bahn geworfen Werdens, einer äußeren und inneren Erschütterung, damit der Mensch überhaupt beginnt den Sinn allen Geschehens oder zumindest des Geschehens, das ihn traf, zu hinterfragen.
Da steht man dann, ganz auf sich gestellt, außerhalb des Lebenskarussells, fühlt sich leer und ohne Halt.
Tod, Verlust, Krankheit und Einsamkeit stehen dann vor mir und ich weiß nicht mit ihnen umzugehen.
„Besinne dich, gehe in dich, werde wesentlich!„ rufen sie mir zu. Je mehr ich sie ignoriere, desto mehr zehren sie an meiner Substanz. Sie klopfen immer wieder an meine Türe, immer lauter und deutlicher.
In solchen Momenten höchster Einsamkeit und Verzweiflung erkennt man wie leer das oberflächliche, sinnengesteuerte Leben ist, wie haltlos.
Ich kann mich an der vermeintlichen Sicherheit meines Arbeitsplatzes, meiner „sicheren„ Rente, meinem Sparkonto, meinem Haus, meiner Lebensversicherung nicht wirklich festhalten, denn sie sind lediglich Anleihen an die Zeit, den Tod, der alles mit sich nimmt.
Er kommt gewiss, er hält sich nicht an meine Lebensplanung und lässt mich erst in Rente gehen, dann gemütlich alt werden und in angenehmer Ruhe sterben.
Auch die Krankheit kommt dann, wenn sie es für richtig hält – sie schert sich nicht um gesunde Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen.
Beide durchbrechen die dünne Mauer der vermeintlichen Sicherheit und reißen den Menschen in den Abgrund, ins Leiden und die Verzweiflung. Leid ist noch immer der stärkste Antrieb zur Besinnung, ein Korrektiv, kein Schreckgespenst.
In der heutigen, so lauten Zeit ist es ungeheuer schwierig diesen Sinnfragen nachzugehen, zugleich aber auch leichter als je zuvor.
Schwierig ist es für den, der sich betäubt, sich bombardieren lässt mit den unsinnigen Versprechungen der Werbung, auf Experten und Ratgeber sich verlässt.
Leicht ist es für den, der selbst denkt und die Täuschung durchschaut, die überdeutlich ist, wenn man nur einen Schritt zurücktritt.
Die Kirche gibt keinen Halt, da sie selbst keinen hat. Der Konsum macht mich abhängig. Experten entmündigen mich.
Alles, ausnahmslos alles in dieser materiellen Welt vergeht, läuft davon, rinnt mir wie Sand durch die Finger.
Führer führen mich in die Irre, folge ich ihrem Weg und gehe nicht den meinen, allein!
Sie sind Irrlichtern gleich.
Die wirklich Weisen weisen auf diesen eigenen Weg hin, verlangen nie, dass man ihnen folgt, bilden keine Schulen oder Institutionen, verlangen kein Geld. Sie sehen sich als Wegweiser, regen an den eigenen Weg zu finden und zu gehen, drücken mir keinen Wegeplan zum Heil in die Hand.
Bei allem, was man tut, bewusst oder unbewusst sollte man sich immer fragen: „Bin ich das? Will ich das? Wer bin ich überhaupt?„

Die Antwort wird sich nicht unmittelbar einstellen. Es mag ein ganzes Leben dauern oder länger.
Doch am Ende steht man fest in seiner Mitte, den Stürmen und Schicksalsschlägen trotzend.
Man meide die breiten Wege der Masse und probiere die vielen kleinen, unscheinbaren Seitenwege und gehe sie möglichst alleine!
Es geht nicht darum gewaltsam auszubrechen, gegen etwas zu sein, sondern für das Richtige, das Eigene, das Wesentliche zu sein und diesem langen und beschwerlichen Weg zu folgen.
Vielleicht mag man dann auch das finden, was man als dauerhaftes, beständiges Glück bezeichnen könnte (nicht im zeitlichen Sinne), sondern als innerer klarer Zustand, unabhängig und unbeeinflussbar von äußerem Geschehen, nur in sich selbst gründend.