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Lebensfülle

Jeder hält die Grenzen seines eigenen Gesichtsfelds für die Grenzen der Welt.
(Arthur Schopenhauer)

Vorbetrachtung

Geht man mit offenen Augen durch die Welt, durch seine Welt, so sieht man sich umgeben von einer Fülle des Lebendigen.
Man sieht, das immer aufs neue sich gebärende und erschaffende Leben - den Wechsel von scheinbarem Tod zu neuem Leben.
Im vermeintlich Toten schläft es, schlummert keimhaft, um neu zu erwachen.
In jedem Frühling bricht es neu hervor, erreicht seine höchste Blüte im Sommer, stirbt, entledigt sich der alten Kleider im Herbst, schläft im Winter, um sich im Frühling neu einzukleiden.
Nirgendwo fängt es an, nirgendwo hört es auf! Leben ist allgegenwärtig und ewig, zeitlos.
Es durchwirkt jedwede Form in unterschiedlichem Grade der Bewusstheit.
Pflanze und Tier sind ebenso lebendig wie der Mensch, sind von der gleichen Lebenskraft durchwirkt und geschaffen - der Unterschied liegt lediglich im Grade ihrer Bewusstheit.
Gerade im Frühling spürt man diese Lebenskraft am stärksten, da sie dann in die Formen eindringt, schöpferisch, formtreibend. Träge wird sie im Sommer. Formwandelnd im Herbst, ruhend im Winter, um wieder neu zu erwachen ...
Das Instrument der Wahrnehmung des Lebendigen ist die Seele.

Gedanken zur Lebensfülle

"Der Mensch ist im Verhältnis zu seiner Unwissenheit anmaßend. Sein natürlicher Hang ist Egoismus. In der Kindheit seines Wissens glaubt er, die ganze Schöpfung sei für ihn gemacht. Mehrere Jahrhunderte hindurch sah er in den unzähligen Welten, welche wie die Wassersprudel eines uferlosen Ozeans durch den unermesslichen Raum funkeln, nur die kleinen Lichter, die nützlichen Fackeln, welche der Vorsehung zu keinem anderen Zwecke anzuzünden gefallen habe, als um die Nacht den Menschen angenehmer zu machen.
Die Astronomie hat diese Täuschung menschlicher Eitelkeit berichtigt, und der Mensch gibt jetzt mit Widerstreben zu, dass die Sterne Welten sind, größer und herrlicher als die seine, dass die Erde, auf der er umherkriecht, ein kaum sichtbarer Punkt auf der ungeheuren Karte der Schöpfung ist.
Aber im Kleinen wie im Großen ist Gott gleich verschwenderisch mit dem Leben.
Der Wanderer sieht hinauf zu dem Baume und bildet sich ein, seine Zweige seien da, um ihm vor der Sommersonne Schatten zu gewähren oder ihm zur Feuerung in der Winterkälte zu dienen.
Aber in jedem Blatte dieser Zweige hat der Schöpfer eine Welt geschaffen, es wimmelt von unzähligen Tiergeschlechtern.
Jeder Tropfen Wasser in einen Teiche ist eine Kugel, bevölkerter als ein Königreich mit Menschen. Überall bringt daher die Wissenschaft in diesem unermesslichen Plane neues Leben ans Licht.
Das Leben ist das eine, allverbreitete Prinzip, und selbst das Wesen, das zu sterben und zu vermodern scheint, erzeugt nur neues Leben und geht in neue Formen der Materie über.
Wenn daher jedes Blatt, wenn jeder Tropfen Wasser ebenso eine bewohnbare und atmende Welt ist wie jener Stern, ja, wenn der Mensch selbst eine Welt ist für andere Leben und Millionen und Myriaden in den Bächen seines Blutes hausen und seinen Körper bewohnen wie der Mensch die Erde, sollte der gemeine Menschenverstand (wenn Eure Gelehrten ihn hätten) nicht hinreichen, um sie zu belehren, dass jene die Erde umfließende Unendlichkeit, welche ihr den Raum nennt – das grenzenlose Ungreifbare, das die Erde vom Mond und von den Sternen trennt – auch von ihm entsprechenden, eigentümlichen
Leben erfüllt ist?

Ist es nicht unglaublich töricht, zu meinen, dass, während jedes Blatt von Wesen wimmelt, sie doch im unermesslichen Raume fehlen?
Das Gesetz der großen Schöpfung verbietet die Verschwendung auch nur eines Atoms. Es kennt keinen Ort, an dem nicht etwas Lebendiges atmete.
Das Beinhaus selbst ist die Pflanzschule der Erzeugung und Belebung. Ist das wahr?
Nun denn, können Sie noch denken, dass der Raum, der die Unendlichkeit selbst ist, allein eine Öde, allein leblos sei, weniger dienend dem einen Plane des allgemeinen Seins als das Gerippe eines Hundes, als das bevölkerte Blatt oder das wimmelnde Kügelchen?
Das Mikroskop zeigt Ihnen die winzigen Geschöpfe auf dem Blatte; noch ist das Fernrohr nicht erfunden, mit dem man die edleren und begabteren Wesen entdeckt, die im unbegrenzten Äther schweben.
Und doch besteht zwischen diesen und dem Menschen eine geheimnisvolle, fürchterliche Verwandtschaft.
Daher ist durch Sagen und Legenden, die nicht ganz falsch und nicht ganz wahr sind, mit der Zeit der Glaube an Erscheinungen und Gespenster entstanden.
Wenn dieser bei den früheren und einfacheren Geschlechtern gewöhnlicher war als bei den Menschen Ihres stumpferen Zeitalters, so kommt dies nur daher, dass bei jenen die Sinne schärfer und lebhafter waren.
Wie der Wilde auf Meilen die Spur einen Feindes sieht oder wittert, welche den plumpen Sinnen des zivilisierten Tieres ganz entgeht, so ist auch die Scheidewand zwischen diesen und den Geschöpfen der Luftwelt weniger dicht und dunkel…
Aber zuerst muss diese Scheidewand durchbrechen, die Seele, mit der sie mir zuhören, durch höchsten Enthusiasmus geeint, von allen irdischen Wünschen gereinigt werden.
Nicht ohne Grund haben die sogenannten Magier in allen Ländern und zu allen Zeiten auf Keuschheit und enthaltsame Besinnung gedrungen, als auf die vermittelnden Wege zu Inspiration.
Nach dieser Vorbereitung kann ihr die Wissenschaft zur Hilfe kommen.
Das Gesicht selbst kann schärfer, die Nerven stärker, der Geist lebhafter und mehr nach außen gekehrt, und das Element selbst – die Luft, der Raum – kann durch gewissen Geheimnisse der höheren Chemie, greifbarer und klarer gemacht werden.
Auch das ist keine Magie, wie die Leichtgläubigen es nennen.
Magie (oder ein Wissen, das die Naturgesetze verletzt) gibt es nicht, nur durch Wissen kann die Natur beherrscht werden.
Nun gibt es im Raume Millionen von nicht eigentlich geistigen Wesen, denn sie haben alle, wie die dem bloßen Auge unsichtbaren Tierchen, gewisse materielle Gestalten, obgleich die Materie so zart, duftig und fein ist, dass die Hülle des Geistes gleichsam nur ein Häutchen wie von Sommerfäden ist.
"

"…Tycho Brahe glaubte, dass jene Weltkugeln nicht verlassen und öde seien, sondern von Bewohnern erfüllt. Weshalb sollte ich da zögern, den bunten Wechsel, den wir auf unserer Weltkugel schauen, durch Ratschluss Gottes auch auf den anderen Weltkugeln verwirklicht sein zu lassen? Der die Arten geschaffen hat, die die Gewässer bewohnen, zu denen niemals der Luftstrom dringt, den die Lebewesen einziehen; der in das weite Luftreich Flügeltier gesetzt hat mit glänzenden Schwingen; der den schneereichen Nordländern die weißen Bären und weißen Füchse schenkte und ihnen dort Seewale und Vogeleier liefert zur Speise; der den heißdampfenden Wüsteneien Arabiens Löwen gab, Kamele den weithin gebreiteten Ebenen Syriens und sie mit dem Vermögen versah, Hunger und Durst zu ertragen: sollte der seine ganze Kunst an der Erdkugel erschöpft haben? Sollte er nicht imstande sein, seine große Güte nach seinem Willen auch anderen Weltkugeln zuzuteilen? Sie mit Geschöpfen reich auszustatten, die angepasst sind, sei es an Länge und Kürze der Umdrehungsdauer, an Ferne und Nähe der Sonne, an die Verschiedenheiten der Exzentrizitäten, an Glanz oder Verfinsterung der Himmelslichter, die in irgendeinem Himmelsstrich erstrahlen? … Nach ähnlicher Schlussweise werden wir auch von der Sonnenkugel Vermutungen aufstellen dürfen, die von den Harmonien und allem übrigen damit Zusammenhängendem herstammen. Sie sind von schwerem Gewicht, und wir können sie mit anderen Vermutungen verknüpfen, die dem Naturreiche zukommen, nicht dem Geisterreiche, und sich der landläufigen Meinung besser fügen. Ist jene Kugel leer, und sind alle übrigen erfüllt, wo sonst alles andere zweckmäßig gefügt ist? Wie, wenn die Sonne durch die Flecken, die aus ihr herausbrennen und sie leuchtend umschweben, mit ihrem ganzen feurigen Leib und in hellschimmernden Flämmchen Licht ausstrahlt, so wie die Erde durch befruchtenden Regenschauer genetzt wird und stetig ergrünt? Wem mag solche Veranstaltung dienen, wenn die Weltkugel selbst öde dahinschwebt? Oh, alle Sinne rufen es mit einem Male aus: Hier wohnen feuerdurchglühte Leiber, fähig, unmittelbare Anschauung zu fassen – hier in der Sonne herrscht das Geistfeuer, wenn nicht als König, so doch in seiner königlichen Veste."
(aus "Harmonices mundi")

Das, was hinter allem steht, was alles bewegt und lenkt ist das Leben in seiner allgemeinsten Form, die Lebenskraft oder der Lebenswille, der allem innewohnt - unabhängig von einer bestimmten Lebensform. Es ist das, was als "Gott" bezeichnet wird und was R.W. Trine wie folgt charakterisiert:

"Er ist das Leben unseres Lebens, ja er ist unser Leben selbst. Das Leben Gottes ist in uns, wir sind in seinem Leben, aber dieses Leben überragt das unsere so weit, dass es alles andere einschließt: alle Menschen und Tiere, jeden Grashalm und jede Blume, jedes Stäubchen, jedes Atom belebten oder unbelebten Stoffes.
So ist Gott alles: Und wenn er das ist, dann muss auch jeder Mensch, dann müssen auch wir beide, du und ich, lebendig zusammenhängende Teile dieses Alls und darum also auch wesentlich eins mit Gott sein, so gut wie das Wasser, das in einem Gefäß aus dem Meer geschöpft wird, seinem Wesen, seinen Eigenschaften und Eigentümlichkeiten nach mit dem Meer, seiner Quelle, eins ist. Gott ist also der unendliche Geist, von dem wir alle Teile in der Form persönlicher Einzelgeister sind.
Gott ist Geist und schafft, herrscht und tut sich kund durch große geistige Gesetze und Kräfte, die uns auf allen Seiten umgeben, die den ganzen Kosmos durchwalten und zu Einem machen: Denn in gewissem Sinn kann man, dass im Weltall nichts vorhanden ist als ordnende Gesetze.
Und wie großartig ist es nun: Diese selben großen Gesetze sind auch in uns wirksam, sie sind die Gesetze unseres Wesens, sie bestimmen alle Erscheinungen unseres eigenen Lebens. Damit aber kommt uns aber zugleich zu Bewusstsein, dass wir nicht bloß natürliche, körperliche Wesen sind; denn das Körperliche ist nur der Stoff, den das wahre innere Selbst, das wahre Leben oder der Geist braucht, um sich dadurch zu betätigen.
Wir sind vielmehr Geist. Dieser Geist wohnt zwar in einer körperlichen Wohnstätte und braucht sie zum Verkehr mit der ihn umgebenden Körperwelt, aber er bleibt trotzdem Geist; ja, je mehr er sein innerstes wahrstes Selbst erkennt, desto mehr entwickelt er sich Schritt für Schritt zu der höchsten Verwirklichung seines wahren Wesens: Denn dieses sein wahres Selbst ist Gott selber.
"

"Ich halte das Weltall für unendlich als Schöpfung einer unendlichen göttlichen Allmacht, weil ich es der göttlichen Güte und Allmacht für unwürdig halte, daß sie eine endliche Welt erschaffen hätte, wenn sie noch neben dieser Welt eine andere und unzählige andere erschaffen konnte. So habe ich denn erklärt, daß es unzählige Welten gibt ähnlich dieser… Des weiteren setzte ich in diesem Universum eine allgemeine Vorsehung, kraft deren jegliches Wesen lebt, sich erhält und sich bewegt und in seiner Vollendung dasteht, und ich nehme dies in immer zweifachem Sinne: einmal ist diese Vorsehung allgegenwärtig als Seele ganz im ganzen Körper und ganz in jedem seiner Teile, und insofern nenne ich sie Natur, Schatten und Spur der Gottheit; sodann aber ist sie gegenwärtig auf eine unsagbare Weise als Allgegenwart Gottes seinem Wesen nach und als eine Allmacht in allem und über allem, nicht als Teil, nicht als eine Seele, sondern auf eine unerklärliche Art."