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Schönheit

„Schönheit ist Ewigkeit, die sich in einem Spiegel anschaut.“
(Khalil Gibran)

Was ist Schönheit?

Zwei Spaziergänger, ein Mann und eine Frau, blicken vom hochgelegenen Weg hinab ins Tal.
Ist das schön!“, sagt die Frau.
Doch was meint jemand damit, wenn er ein Bild, ein Gesicht, eine Landschaft, einen Gegenstand als „schön“ bezeichnet?
Betrachte ich ein Kunstwerk, etwa eine Statue von Michelangelo oder eine von Meisterhand gezeichnete Porträtstudie – ist es dann die äußere Form, die Linienführung, ist es die Haltung der Figur oder ihr Gesichtsausdruck, der „schön“ ist?
Emerson sagt: „Die Linie der Schönheit ist das Resultat vollkommener Ökonomie...
Sie ist eine Reinigung von allem Überflüssigen … In jedem Bau der Natur findet sich kein Teilchen, das entbehrt werden könnte… Wir nennen das schön, was einfach ist, was keine überflüssigen Teile hat, was genau seinem Zwecke entspricht, was zu allen Dingen in Beziehung steht, was das Mittel vieler Extreme ist. Schönheit ist die dauerndste aller Eigenschaften und die, die am höchsten emporführt.


Schönheit ist immer „Natürlichkeit“, ist natürlicher Selbstausdruck, ist Ausdruck des wesensmäßig einer Sache zugehörigen. Da ist nichts, was stört oder unpassend erscheint, nichts ist überflüssig, nichts fehlt.
Eine Frau, die übermäßig geschminkt ist oder sich „Schönheitsoperationen unterzieht“, wirkt unnatürlich. Auch beim Menschen ist das Natürliche, das Unverfälschte, schön – nicht das Verzerrte.
Schön ist nicht das, was einem vergänglichen Schönheitsideal entspricht.

Wenn ich ein Gemälde stundenlang betrachten kann und das darüber wandernde Auge sich nirgends stößt, dann ist „Schönheit“ in diesem Gemälde.
Eine Landschaft, die ihrer Natürlichkeit noch nicht beraubt ist, ist schön.
Hässlich ist immer, was der Mensch macht, wenn er unförmige Gebäude in die Landschaft stellt, die von Unordnung umgeben sind.
Die Harmonie wird zerstört, die Schönheit entweiht.
Doch wo kommt die Schönheit her? Wie ist es möglich etwas Schönes und Harmonisches zu schaffen?
„Die Schönheit „liegt eben in Wirklichkeit nicht in der Welt der Formen, sondern im Geist“, sagt Emerson. Und Raffael beschreibt es als „die Idee der Schönheit in des Malers eigenem Geiste“.
Jeder künstlerischen Gestaltung liegt eine Idee zugrunde, das Bild oder die Statue sind nur Ausdruck dieser Idee, nicht die Idee selbst.
Schönheit ist ihrem Wesen nach geistiger Natur!
Schönheit ist Wahrheit, die wahre Gestalt der Dinge, die rein geistiger Natur ist.
Es sind die Ideen, die nach Platon allen Dingen zugrunde liegen und an die die unsterbliche Seele sich wiedererinnert, diese Bilder wiederkennt in ihren materiellen Formen.
Jedes Kunstwerk hat zwei Gesichter, wie es Oskar Adler ausdrückt:
Das Gesicht der Schönheit zur materiellen Welt hin und das Gesicht der Wahrheit zur geistigen Welt hin. Die Wahrheit offenbart sich in der sinnlichen Welt als Schönheit.“
Schönheit und Wahrheit sind eng miteinander verwoben, scheinbar getrennt nur in der Art der Wahrnehmung:
Was wir als Schönheit hier empfunden,
Wird einst als Wahrheit uns entgegengeh’n

(Schiller)

Besitzen kann ich die Schönheit nicht. Eine Blume inmitten einer blühend-lebendigen Sommerwiese lebt, ist in ihrem natürlichen Umfeld, ist schön.
Eine Blume, die ich mir in eine Vase stelle, wirkt armselig, verwelkt und stirbt.
Es ist so als schnitte ich aus einem Gemälde eine Figur heraus, die mir besonders gefällt, nur um dann festzustellen, dass die Figur an sich allein nicht Träger der Schönheit des Gesamtwerks ist, das ich durch ihr Entnehmen zerstört habe.
Der Mensch mit seinem Intellekt und seinem Streben alles zu besitzen, zerstückelt und zerstört die Kunstwerke der Natur in ihrem lebendigen Zusammenhang.
Es ist die Erfahrung, die jeder kennt und die Emerson in folgenden Worten beschreibt:
Der Besitz vertreibt sie(die Schönheit) sogleich … Wenn ich meine Hand auf den Polarstern legen könnte, bliebe er so schön, wie er ist? Die See ist lieblich, aber sobald wir in ihr baden, verlässt die Schönheit alles Wasser in unserer Nähe. Denn Fantasie und Sinn können nicht gleichzeitig befriedigt werden.“

So ist die Schönheit eine Art Brücke zwischen zwei Welten. Vielleicht ist es eine minimale Ausdehnung des Materiellen hinein ins Geistige, in die höhere Dimension, in der alle Dinge sinnhaft verbunden sind.
Der Alltagsmensch sieht eine Wiese, auf der er ein Haus bauen oder eine Fabrik errichten kann, sieht Dinge, die er kaufen oder verkaufen kann – das Leben sieht er nicht!

Die neue Kraft, die ein Objekt zu einem schönen macht, ist eine kosmische Qualität, eine Kraft, die einen Zusammenhang mit dem All empfinden lässt und so dass Objekt über die armselige Individualität emporhebt. Jeder Zug der Natur – das Meer, der Regenbogen, die Blumen, die Töne der Musik – hat etwas an sich, was nicht ihm besonders eigen, sondern universell ist; all diese Dinge sprechen mit der Stimme jener zentralen Vortrefflichkeit, die die Seele der Natur ist, und darum sind sie schön.
Schönheit ist die Form, in der der Geist die Welt am liebsten erkennt.

Die Seele steht den Ideen nahe, und kann diese nur aufgrund ihrer Ähnlichkeit und Wesensverwandtschaft erkennen.
Die Schönheit einer Seele strahlt durch den Körper hindurch und ist immer als solche spürbar.
Die Seele ist das Messinstrument für die höheren Schwingungen des Seins, die mit den Sinnen nicht unmittelbar erfassbar sind. Sie fühlt die unsichtbaren Fäden, die alles verbinden. Sie ist die Brücke vom Zeitlichen zum Ewigen, zwischen Scheinwelt und Wirklichkeit.

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

(Goethe)