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Sinnenverhaftung

"Zwiefach ist aller Wesen Art;
Teils göttlich, teils nied'rer Natur."
(Bhagavad-Gita)

Zwei Richtungen

Es gibt zwei Gruppen oder Entwicklungsstufen von Menschen: jene die nach oben (innen) streben und jene, die nach unten (außen) streben.
Die erste Gruppe spürt oder weiß, dass alles Irdische, alles Streben nach Geld, Besitz, Sinnenbefriedigung nirgendwo hinführt, dass man in solchem Streben auf der Stelle tritt. Denn nichts von alledem verschafft dauerhafte Zufriedenheit oder Glück.
Wer besitzt, will festhalten, will mehr besitzen und wird mehr, ja alles verlieren, denn: alle sinnlichen Reize sind wie Strohfeuer, die schnell vergehen, immer wieder angezündet werden müssen und doch nie länger als einen Augenblick dauern.
Wie unsinnig und vergeudet so ein Leben schon in der kurzen menschlichen Lebensspanne ist, umso unsinniger und leidvoller wäre es, wenn ein solcher Mensch, mit den Mitteln der Wissenschaft auf mehrere hundert Jahre verlängern könnte:
Immer nur Getriebener der Sinne sein, die einen, wie ungezügelte Pferde hin und her reißen, innerlich zerreißen ...
Genau dies scheint mir ein Grundproblem der heutigen Zeit, das Wesen des Materialismus, der den Sinn nicht kennt, der Schein dem Sein vorzieht und nicht wirklich innerlich lebt. So sind die meisten Menschen wandelnde Tote.

Der Ausweg führt durch die Überwindung jener niederen Triebe. Denn Höherwandlung ist des Menschen Ziel.
Mit jeder neuen Geburt Höherschreiten, sein Bewußtsein weiten, dem trägen Sumpf der Triebe entsteigen, das Leid verringern; den Sinn, das alles Verbindende, das Wesen der Dinge erkennen.

In den Worten der Bhagavad Gita:

Zwiefach ist aller Wesen Art;
Teils göttlich, teils nied'rer Natur.
...
Die Unerwachten wissen nicht,
Was Rechttun und was Nicht-Tun ist;
Wahrheit, Klugheit und Lauterkeit
Ist diesen Sklavenseelen fremd.

Die Welt ist ohne Sinn, ohn' Herrn
Und ohn' Bestand - so wähnen sie -
willkür-entsprungen, ordnungslos,
zum Gier'n nur und Genießen da ...

In diesen Irrtum festgerannt,
Törichten Sinns, unreinen Geists,
Frönen sie jeder Schändlichkeit,
Verderbend so die ganze Welt.

Von unstillbarer Gier erfüllt,
Voll Trug, Prahlsucht und Übermut,
Führ'n ein gottloses Leben sie,
Nur Freveltaten zugewandt.

Ihr Woll'n und Trachten kennt kein Maß;
Denn "Höh'res gibt es nicht als dies
Und mit dem Tod ist alles aus"-
So denken sie, Genuss-versklavt.

Von hundert Hoffnungen verführt,
Habsuchtbesessen, giergejagt,
Häufen sie, lustvoll, schicksalsblind,
Unrecht erworb'ne Schätze auf.

"Dies hab ich heute schon erreicht,
Und der Gewinn steht mir bevor,
jetzt hab' ich soviel, morgen fällt
Mir jenes sicherlich noch zu;"

...
Von solchem Denken ganz erfüllt,
Irrtumverhaftet, dem Genuss
Versklavt, sinkt er im Tod hinab
Zu nied'rer, leidvoller Geburt.

Nur sich vergötternd und ihr Geld,
So stolz wie blind, hochmutgeschwellt,
Bringen sie heuchelnd Opfer dar,
Die in Wirklichkeit keine sind.

Voll Ichsucht, Rohheit, Stolz, Begier,
Lästersucht, Missgunst, Leidenschaft
So schmäh'n sich mich, den Gott, der doch
In Ihnen und den ander'n lebt.

Diese hassvollen, herzlosen
Zerrbilder wahren Menschentums
Stürzen im Kreislauf der Geburt
In immer tief'res Sein hinab.

Schreiten sie, niederster Geburt,
Als Toren fort von Sein zu Sein,
Dann, gänzlich von mir abgewandt,
Sinken in's Tiersein sie hinab.

Dreifach ist's Tor zur Unterwelt,
Durch das die Seele abwärts stürzt;
Habsucht und Zorn und Sinnengier.
Drum meide diese Dreiheit man!

(Bhagavad Gita, XVI. Gesang)

Von der sinnlichen Schwere

Der Körper unterliegt den Gesetzen der materiellen Welt, hat Schwere. Es zieht in hin(ab) zu dem, was noch mehr Schwere hat, zur Schwere schlechthin: der Erde, der Materie.
Es ist aber mehr als die Anziehungskraft, die Gravitation, die mir hier zu wirken scheint.
Was ich hier empfinde sind zwei widerstrebende Kräfte, zwei Pole, in deren Spannungsfeld ich lebe.
Das Etwas in mir, das alles überblickt, unbefangen sich meinen Lebensfilm ansieht und dann ist da noch derjenige, der die Lebensrolle spielt, durchlebt, durchleidet.
Jenes ist das Selbst, der göttliche Wesenskern - das Höhere in mir; dieses der Tiermensch oder Sinnenmensch – das Niedere in mir, der verfangen ist im Netz der Leidenschaften und des Leidens.
Gedanken und Gefühle wechseln ständig ihre Polarität, ihre Ausrichtung zwischen Höherem und Niederen wechselnd.
Tumb und schwer, blind, getrieben scheint der Körper mir. Wäre ich nur Körper – völlig machtlos wäre diese willenlose Hülle den sinnlichen Begierden ausgeliefert und würde zugrunde gehen.
Doch ist da noch etwas anderes. Etwas, das mir eine andere, bessere Richtung zeigt, mich nach oben zieht, allem Sinn und Ziel gibt.
Schwerelos, weil begierdelos, die Vergänglichkeit der irdischen Triebe überschauend und überwindend.
Doch sind die Leidenschaften und das mit ihnen Hand in Hand gehende Leiden nicht sinnlos, sondern sinnvoll als Teil eines Entwicklungsweges, der mich Stufe um Stufe höher führt und löst.
So kann ich dereinst durch die Welt gehen ohne mich im Netz des Sinnlichen zu verfangen vom Schein zum Sein gelangen.