Startseite
„Und was als blindes Ohngefähr nur dünkt.
Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.“
(Schiller)

Zufall oder Zu-fall?

Erst dann erkennt der Mensch das Wesen des Seins,

wenn er das sichtbare Universum, wenn er die unseren Sinnen zugänglichen Wunder des Weltgebäudes als Gleichnis zu erfassen versteht, als die geheimnisvolle Spiegelung, als den Abglanz des Unendlichen, des Allerhöchsten, des Urprinzips, der Gottheit!
Wenn er sich nicht blenden lässt von Maya, von der großen Täuschung dieser Welt, vom Blenden der Erscheinung!
Diese äußere Welt, die uns so greifbar und wirklich scheint, sie, in der wir leben, ist wohl vorhanden, aber sie ist nur eine vergängliche Welt. Wäre sie nicht, wie sollte sie auf uns wirken?
Aber sie ist nicht das, was sie zu sein scheint. Sie ist nicht die Ursache ihres eigenen Daseins. Alles Sichtbare (und überhaupt sinnlich Wahrnehmbare) ist hervorgegangen aus dem Unsichtbaren.
Alles Äußerliche am Sein, das sich in räumlich-zeitlichen Gebilden ausformt, ist nur die Materialisation oder Verstofflichung einer transzendenten Realität, das heißt einer reingeistig essentiellen Substanz oder Idee … so ist die Welt, die uns umgibt, nur die Auswirkung, die Verwirklichung ihrer ewigen Idee in Zeit und Raum … Das Offenbare ist die Manifestation des Unoffenbaren. Das den Sinnen Unwahrnehmbare aber, das Transzendentale allein ist das Eigentliche.


„Die Welt ist somit mehr und anderes als „die nach den sogenannten Zufallsgesetzen zusammengewürfelte Mannigfaltigkeit von Kombinationen aus materiellen Ur-Elementchen.“(Surya)

Der gängige Zufallsbegriff ist falsch, unterstellt er doch ein gänzlich ungerichtetes Wirken, das keinerlei Gesetzen folgt. Unordnung verwandelt sich aus sich selbst in Ordnung.
Diese Sichtweise erinnert an Baron Münchhausen, der sich selbst mitsamt Pferd an seinem Schopfe aus dem Sumpf zog.
Unordnung kann aus sich selbst, ohne eine wirkende ordnende Kraft keine hochorganisierten und hochkomplexen Formen schaffen, kein Planetensystem, keine Zelle, kein Organ und schon gar keinen Menschen, denn

Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild gestalten.“ (Schiller)

Alle Entwicklungen in der Natur sind zielstrebig und geordnet.
Sie mögen in der Momentaufnahme ungeordnet oder „zufällig“, ungerichtet, oder ziellos scheinen – doch weitet man den Blick, so erkennt man die Formbildungsgesetze, die zielgerichtete Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen, vom Niederen zum Höheren – die Alchimie des Seins und Werdens.
Man muss sich folgendes klar machen, wenn man von „Zufall“ redet:

Wenn der Zufall selbst gar keinem inneren Gesetze unterläge … dann wäre es doch ausgeschlossen, dass er irgendjemals, auch in Trillionen von Jahren, in einer ursprünglich chaotisch, rein ‘zufällig‘ verteilten Stoff- oder Energiemenge Entwicklungen zustande bringe, die auch nur im Entferntesten einer Ordnung oder Zielstrebigkeit ähnlich sehen …
Entweder wirkt der Zufall nach einem Gesetz oder nicht. Wenn das erste der Fall ist, dann ist er aber kein Zufall mehr, sondern nur wieder ein Gesetz.“ (Surya)

Das Gesetz nun, wird im Zuge seiner Wirkung nicht verbraucht oder verändert, sondern bleibt in allem Geschehen dasselbe, ist also nicht vergänglich und kann somit nicht aus der Welt der Wirkungen, des Vergänglichen stammen, sondern muss im Transzendenten, dem Raum-und Zeitlosen gründen.



Der Gesetzesbegriff an sich besitzt vielmehr durchaus die Qualitäten (oder die Seinsweise) eines Ewigen, einer über der sichtbaren Erscheinungswelt stehenden (geistigen) Potenz, einer wirkungskräftigen ewigen Idee.“ (Surya)

Hinter diesem Zufall steht also eine lenkende Kraft, ein Ordnungsprinzip, das Ziel und Richtung hat.

Es gibt keinen Zufall und keine Anarchie im Kosmos; alles ist Ordnung und Stufenfolge ...“ (Emerson)

Zufälle sind Ereignisse, die sinnvoll eingebettet sind in einen größeren Handlungsrahmen, als ‚zufällig‘ bezeichnet sie derjenige, der ihren Sinn nicht sieht, der ihre Ursachen und Absichten nicht kennt. Alles, was mir wiederfährt hat Ziel und Absicht, hat Sinn und Zweck. Sind die einzelnen Ereignisse sinnlos, so ist es auch das Gesamtgeschehen und somit das Leben an sich. Oft haben sie die Eigenschaft und die innewohnende Absicht die Pläne des Menschen zu durchkreuzen, diese und somit ihn selbst in Frage zu stellen vor sich selbst.
Gustav Meyrink beschreibt das in seinem Roman „Das grüne Gesicht“ so:

"Träume ich denn noch immer?" fragte er sich voll Erstaunen. "Was war das?" Zieht sich durch jedes Menschenleben ein solcher roter Faden merkwürdiger Zufälle, oder bin ich der einzige, dem derartige Dinge passieren? Greifen die Ringe der Geschehnisse vielleicht erst dann ineinander und bilden eine Kette, wenn man ihre Zusammenhänge nicht dadurch stört, dass man sich Pläne schafft, denen man tölpelhaft nachjagt und infolgedessen das Schicksal in einzelne Stücke reißt, die sonst ein fortlaufendes, wundersam gewebtes Band gebildet hätten?"

Zufälle sind Gleichnisse geistigen Geschehens. Sie „fallen“ einem Menschen „zu“, weil sie zu ihm gehören, weil hier ein höheres, ordnende Gesetz wirkt. Immer besteht Resonanz zwischen dem, was mir „zufällt“ und dem was ich innerlich bin, was ich denke und fühle, meinem inneren Gesetz.

Den Schlussgedanken zu dieser Betrachtung überlasse ich Jean Gebser:

Durch das Wort Zufall „berauben wir uns eines so großen Reichtums, und einer so großen Beziehungsfülle und der Einsicht in das Ineinanderwirken so vieler Dinge, die hintergründig sind … hinter der die Wirkung einer höheren Instanz steht.“