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Religion

„Die Ursache alles dessen, was augenscheinlich Übel ist, ist die Begrenzung des Unbegrenzten“ (S. Vivekananda)

Was ist Religion?

Es gibt nicht die alleinig wahre Religion. Wahre Religion ist immer wahr, da sie mit „der Wahrheit“ verbunden ist und nicht mit einer persönlichen Auslegung der Wahrheit.
Das Wort Religion kommt vom lateinischen „religere“ meint „zurückbinden“ oder „befestigen“ im Sinne einer Wieder-Verbindung mit dem Urquell des Seins, die Wahrheit, die Einheit, das Eine.
Alle großen Religionsgründer und Mystiker hatten diese Verbindung.
Alle wussten sie um das „Eine, das sich selbst als Mehreres manifestiert“, waren damit verbunden und dadurch innerlich gefestigt.
Religion ist, nach Emerson „die Haltung derer, die diesen intimen Zusammenhang, diese innere Wahrhaftigkeit und Einheit der Welt erkennen, die aus der Weisheit und Allvernunft schöpfen…“.
Konfession ist Auslegungssache, ist Bekenntnis, nicht Erkenntnis. Sie ist oberflächliche Betrachtung und persönliche Auslegung, die zur Abgrenzung führt.
Wahre Religion ist Wissen, Konfession ist meist „Glaube, der sich auf Autorität stützt, ist kein rechter Glaube. Die Betonung der Autorität ist das Maß für den Verfall einer Religion, der Gradmesser dafür, wie weit der Geist bereits aus ihr entwichen ist.“ (Emerson)
Da wahre Religion in der Erkenntnis gründet, dass es nichts gibt außer Gott, kann keine Konfession einen Gott für sich beanspruchen.
Wahre Religion entspringt dem "Geist der Einheit", der Erkenntniss der "geistigen Einheit des Universums" (Vivekananda)
Leider stellten und stellen sich die meisten Menschen „Gott“ personalisiert vor. Ein solcher „persönlicher Gott“ ist begrenzt, eine Art vergrößerter Mensch und somit armselig.
Um seinem wahren Wesen gerecht zu werden, muss er also ein unpersönliches, lebendiges Prinzip sein, das nicht einige belohnt, andere bestraft, das unparteiisch ist.
Hegels Begriff des „Weltgeistes“ wäre hier – aus meiner Sicht - geeigneter, das der Begriff „Gott“ eben durch all die persönlichen Vorstellungen zu stark vorbelastet ist.
Dieser unpersönliche Gott ist – wenn auch den meisten (noch) nicht vorstellbar – die einzig angemessene Vorstellung.
Wie das eine Feuer in die Welt kommt und sich selber in mancherlei Formen manifestiert und noch unendlich mehr außer dem ist, so verhält es sich mit dem Unpersönlichen.“ (S. Vivekananda)
Der begrenzte, persönliche Gott ist ein Instrument, dessen man sich bedient, wie man es gerade braucht – Ausdruck der eigenen Begrenztheit, des eigenen innerseelischen Zustands und der eigenen geistigen Reife und Erkenntnistiefe.
Nur so lassen sich all die Gräuel erklären, die im Namen der „einzig wahren Religion“ oder gar im Namen Gottes verübt worden – „Gott mit uns!“
Dr. Franz Hartmann sagt hierzu:

Die Religionsgeschichte aller Völker lehrt, dass geistige Wahrheiten, die nur teilweise erfasst und verkehrt gedeutet wurden, der Menschheit zum Verderben gereichen.
Der Geist sprach zu den Indern:
„Das Weib soll sich mit dem Manne im Feuer (der göttlichen Liebe) vereinen!“
Da nahmen die Priester die Frauen, deren Männer gestorben waren und warfen sie ins Feuer, wo sie lebendig verbrannten.
Der Geist Gottes sprach zu den Azteken:
„Opfert mir die Herzen eurer Feinde!“, das heißt: lehrt sie an meine Güte zu glauben!
Da nahmen die Priester die gefangenen Feinde zu Tausenden, rissen ihnen bei lebendigem Leibe das Herz aus der Brust und opferten es auf dem Altar ihres Gottes.
Gott sprach: „Suchet nach dem heiligen Lande (in eurer Seele) und erobert das Himmelreich mit Gewalt!‘“
Da riefen die Pfaffen das Volk zusammen, ermunterten es zu Raub und Mord und Palästina wurde der Verwüstung preisgegeben.
Gott sprach: „Gebt mir, was mir gehört!“ (das heißt: Euer Herz und die Liebe). Da nahm der Pfaffe dem Armen oft noch das Letzte, was er sein eigen nannte.
Allah sprach zu den Mohammedanern: „Vernichtet eure Feinde!“
(Das heißt: Eure bösen Begierden und Lüste, die meiner göttlichen Natur in Euch entgegengesetzt sind.)
Da schliffen sie die Schwerter und zogen aus zum ‚Heiligen Krieg‘, um ihre Nachbarn zu töten.

Die verschiedenen etablierten Religionen sind die Gefäße, mit denen Menschen aus dem Urquell der Weisheit geschöpft haben und aus denen sie trinken.
Die Unreifen schöpften Wasser in schmutzigen Eimern, die Mystiker schöpften es aus goldenen Bechern und machten es zu Wein.
Jede Religion ist Ausdruck der einen Wahrheit, geformt gemäß der Zeit, Kultur und Reifestufe der Menschheit in der sie in Erscheinung tritt. Gleich im Wesen, unterschiedlich in der Form. Auch niedere Formen der Religion sind Ausdruck dieser einen Wahrheit, unterschiedlich nur im Grade der Bewusstheit. Konfessionen sind meist Lippenbekenntnisse ohne Substanz.
Religion ist letztlich "Anschauung des Unendlichen im Endlichen, des Ewigen im Zeitlichen".(Schleiermacher)

Der wahre Glaube, als Grundlage der Religion ist nicht abhängig von Lehrmeinungen (Konfessionen), sondern etwas, das jeder in sich selbst finden muss.

"Der wahre Glaube ist nicht ein Führwahrhalten von Meinungen, sondern eine Anerkennung von Tatsachen.
Er ist kein Wähnen und Dünken, sondern das Fühlen der Kraft der Wahrheit, aus welcher die Erkenntnis entspringt.
"
(Meister Eckhart)

Gleichheit und universale Religion

In der UN-Menschenrechtskarta steht: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.
Es heißt ausserdem: "Vor dem Gesetz sind alle gleich."
Es wird oft von "Chancengleichheit" geredet.
Aber gibt es diese Gleichheit wirklich? Was bedeutet sie in ihrem tiefsten Sinn?
Dass vor dem Gesetz eben nicht alle gleich sind ist allgemein bekannt, eben weil Gesetze nicht objektiv alleinstehend sind, sondern von Menschen angewendet werden, die nicht immer subjektiv sind und durch ihre persönliche Brille die Welt sehen und beurteilen.
Der Begriff "Chancengleichheit" zielt auch wohl eher auf "Erfolg im Beruf", der mit "Erfolg im Leben" gleichgesetzt wird.
Aber auch hier zeigt die Erfahrung, dass es nicht möglich ist, für alle gleiche Startbedingungen zu schaffen, da das Leben letztlich nicht planbar ist und es auch nicht sein soll.
Denn das nimmt ihm die Lebendigkeit,die ja eben seine Grundeigenschaft ist.
"Vor Gott sind alle gleich." heißt es schließlich. Aber das kann sich nicht auf die äußere Erscheinungsform beziehen, sondern nur das "Wesen" meinen.
"Alle Menschen sind Brüder.", sagen manche. Aber - was heißt das, was bedeutet es?
Wie sieht so ein "Gefühl der Bruderschaft", wie fühlt es sich an?
Von "Gleichheit" im Sinne von "Brüderlichkeit" zu reden ist nutzlos, wenn man sie nicht empfindet und danach handelt.
Um das Wesentliche der "Gleichheit" zu verstehen, muss man tiefer blicken, tiefer denken, so wie es Swami Vivekananda getan hat. Sein Verständnis von Gleichheit bezieht sich auf das "Wesen" nicht die vielfältigen und verschiedenartigen äußeren Formen - auf das, was alles Leben gemeinsam hat, was dieses eint. Und er schlägt die Brücke zur "universalen Religion", die alle Religionen in ihrer Verschiedenartigkeit auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführt, sie eint.


"Und wie steht es mit der Gleichheit?
Wir alle sind Menschen, aber sind wir alle gleich? Gewiß nicht!
Sind wir gleich an Verstandeskraft, an Stärke? Sind unsere Körper gleich?
Der eine ist stärker als der andere; der eine besitzt mehr Verstand als der andere.
Wenn wir alle gleich wären, woher dann diese Ungleichheit? Wer macht sie?
Wir selbst.
Weil wir mehr oder weniger Fähigkeiten, Verstandeskräfte, körperliche Stärken haben, besteht ein Unterschied zwischen uns. Und doch ergreift der Gedanke der Gleichheit unser Herz. Wir alle sind Menschen; aber einige sind Männer, andere Frauen. Dann gibt es Schwarze und Weiße, aber alle sind Menschen. Verschieden sind unsere Gesichter; und doch sind wir alle Menschen.
Trotz all dieser verschiedenen Gesichter bin ich mir bewusst, das es ein Menschsein gibt, das allen gemeinsam ist. ... Ebenso nun ist es mit der universalen Religion, die sich durch die verschiedenen Religionen der Erde in der Gestalt Gottes hindurch zieht, sie muss in alle Ewigkeit existieren und tut es auch. 'Ich bin der Faden, der durch all diese Perlen hindurchläuft'; nur ist sich die Mehrheit der Menschen dieser Tatsache völlig unbewusst.
Einheit in der Mannigfaltigkeit ist der Plan des Universums. Obwohl Menschen, sind wir doch voneinander verschieden. Als Teil der Menschheit bin ich eins mit allen, aber als Herr Soundso unterscheide ich mich von ihnen. Als Mann bin ich verschieden von der Frau; als menschliches Wesen bin ich eins mit der Frau. Als Mensch unterscheide ich mich vom Tier, aber als Lebewesen sind Mann und Frau, Tier und Pflanze sämtlich eins; und als Sein sind sie eins mit dem gesamten Universum. Das universale Sein ist Gott, die letzte höchste Einheit des Weltalls. In ihm sind wir alle eins.
Zur gleichen Zeit sind die Unterschiede in den Manifestationen offensichtlich. Auch in unseren Werken werden diese Unterschiede immer bleiben. Daraus ergibt sich, dass die Idee einer universalen Religion unmöglich ist, wenn dies bedeuten soll, dass die Menschen an bestimmte Glaubenssätze glauben müssen.
Nie wird die Zeit kommen, da alle Gesichter und alle Gedanken gleich sind... Würde es dahin kommen, würde die Welt zerstört, da Vielfalt das erste Lebensprinzip ist. Was macht uns zu menschlichen Wesen? Die Differenzierung, die Verschiedenartigkeit. Vollkommene Gleichheit, Uniformität würde unser Untergang sein. Ein solcher Zustand wäre lebenswidrig. Wir können nicht wünschen, dass alle dasselbe denken. Gerade der Unterschied, die Verschiedenheit ist die wahre Ursache unseres Fortschritts, die Ursache unseres Denkens. So wird es immer sein.
" (Vivekananda)

Vom Gottesbild

Das gängige Gottesbild des Durchschnittsmenschen stellt vor ein begrenztes Wesen, eine Art „Vaterfigur“, eine übersteigerte Egoprojektion.
Es ist dies ein personalisierter Gott, der belohnt und bestraft, teilweise nach eigener Willkür.
Das wahre Gottesbild, wie es am klarsten in der Bhagavad Gita (und generell in allen indischen Texten dargestellt ist, sei es in den Veden oder bei Sankaracharya) ist differenziert, nicht begrenzt und nicht personalisiert!
Es gibt dort nicht den Gott, sondern unterschiedliche Offenbarungsstufen einer abstrakten (mit dem Verstand nicht fassbaren) Gottheit oder Wesenheit –unbegrenzt, zeitlos, raumlos, ewig.
Grob gesehen sind dies drei Stufen (mit vielerlei Abstufungen, ähnlich den Farben im Farbspektrum):
* Das Unoffenbare (absolute Eine)
* Der Akt der Offenbarung (der Weg in das Offenbartsein)
* Das Offenbartsein (in der Stofflichkeit)

Anders ausgedrückt: Das göttliche Wesen spiegelt sich in der Stofflichkeit (ihrer niedersten Stufe, der Materie), sich darin betrachtend und erkennend.

Es gibt hier jedoch – und das ist sehr wichtig – keine Trennung zwischen den drei Stufen!
Das Unoffenbare, die Offenbarung und das Offenbartsein sind ein Geschehen in einem zeitlosen Augenblick.
Es ist dies das Zusammenfallen von Erkenner, Erkenntnis und Erkanntem.
Der Mensch mit seinen begrenzten, auf das Grobstoffliche ausgerichteten Sinnen (Bewusstsein) hält das Spiegelbild (den Teil, den er wahrnehmen kann) für das Eigentliche, hält den wahrgenommenen Teil des Offenbarten für das Wesentliche, ohne dieses auch nur annähernd zu erkennen oder zu erfassen.
Das ist der Denkfehler, dem alle religiöse Offenbarungen und deren Auslegungen (Konfessionen) unterliegen.
Die wahre Religion ist der Kern, das Wesen, das alle konfessionellen Grenzen aufhebt.

Erlösung vs. Karma

Um seine Stellung im Leben, den Sinn desselben, sowie die Auswirkungen seines Tuns folgerichtig einschätzen zu können, zwischen „richtig“ und „falsch“ zwischen „gut“ und „böse“ unterscheiden zu können, bedarf es eines Maßstabes, eines plausiblen, für jeden nachvollziehbaren Ordnungssystems.
Die meisten Menschen haben ein Empfinden für Handlungen, die ihnen selbst und vor allem anderen Schaden zufügen und unterlassen diese Handlungen im Idealfall.
Sehr stark egoistisch veranlagte Menschen denken bei jeder Handlung primär an ihren eigenen Nutzen oder Vorteil, ohne sich eines Unrechtes im Sinne der Schädigung anderer oder eines höheren Ganzen bewusst zu sein.
Es gibt zwar eine „irdische Gerechtigkeit“, die Vergehen ahndet. Doch wie oft hat man den Eindruck, dass Übeltäter sich dieser „Gerechtigkeit“ entziehen und scheinbar ungeschoren davonkommen.
Die höheren Religionen (Christentum, Islam, vedische Philosophie) bilden einen Orientierungsrahmen für das Abwägen seiner Handlungen und die diesen folgenden „Sanktionen“ – sei dies nun Belohnung im „Himmel oder Bestrafung in der „Hölle“.

Dummerweise liegen diese „Sanktionsorte“ oder die Wirkungen des Tun in einem eher imaginären Bereich außerhalb des alltäglich Erfahrbaren – zumindest in der Wahrnehmung des Durchschnittsmenschen, der diese Begriffe allzu wörtlich nimmt.
Die Erfahrung, die auf die Körpersinne beschränkt ist, zeigt ja auch, dass im Alltag (von der irdischen Gerechtigkeit einmal abgesehen) keine Sanktionen falschen oder „sündigen“ Tuns erfolgen.
Man wird nicht von einem Blitz getroffen, wenn man jemanden umbringt oder einem anderen schweren Schaden zufügt.

So tasten sich niedere Naturen Stück für Stück in ihrem schlechten Tun voran, werden wagemutiger in ihrem Tun, da ja augenscheinlich keinem Tun eine unmittelbare Sanktion „von oben“ erfolgt.
Etwas höher entwickelte Menschen haben zumindest Gewissensbisse, die sie von schlechtem, schädigenden Tun abhalten, obwohl deren Quelle in der Regel ihnen nicht bekannt ist. Niedere Naturen erleben diese Gewissensbisse eher als kurzfristigen Zwang, der überwunden werden kann vom stärkeren Drang der beabsichtigten.

Die Kirche nun geht – vereinfacht ausgedrückt - davon aus, dass an imaginären nachtodlichen Orten „Sünden“ bestraft und „gute Taten“ belohnt werden. Ferner ist es – nach gängiger Lehre – möglich noch zu Lebzeiten völlige Vergebung aller Sünden zu erlangen, gleich was man wem angetan hat.
Ich kann also im Leben ungestraft alles Tun, was ich will, ohne Rücksicht auf irgendwen oder irgendwas, muss nur bedenken, rechtzeitig vor meinem Ableben mir jemanden zu suchen, der mir Absolution erteilt oder Gott um Vergebung bitten, Reue zeigen.
Die ganze Absurdität dieses Glaubens und die Perversität seiner Folgen wurde im Ablaß-Handel deutlich.

Dagegen steht die Lehre der Wiederverkörperung und des Karma, die besagt, dass alles Tun seinen Folgen hat, gerade auch im physischen Leben, wenngleich eine in diesem Leben begangene Tat ihre Sühne oder Belohnung auch erst in einem späteren erhalten kann. Mein jetziges Leben ist „Sanktionsort“ meiner Taten in früheren Leben.
Die Wirkungskreise erstrecken sich auch in nicht-physische, feinstoffliche, nachtodliche Ebenen, die wesentlich feiner differenziert sind als die nachtodlichen Sanktionsorte der kirchlichen Lehre – aber das ist hier nicht Gegenstand der Betrachtung.
Die Reinkarnations- und Karmalehre bildet einen in sich völlig logischen, geschlossenen, zweifelsfreien Orientierungs- und Sinngebungsrahmen, der im Grunde alles kosmische Geschehen umfasst, den Menschen und dessen Tun sinnhaft darin einbettet.

Um die Unterschiede beider Lehren – der kirchlichen, wie der Reinkarnationslehre (im größeren Zusammenhang der theosophischen Lehre) aufzuzeigen, mögen folgende Textstellen dienlich sein:



Es gibt doch tatsächlich keine Hypothese, die so einleuchtend ist, wie die Lehre von der Wiederverkörperung. Betrachten wir zum Beispiel die Tatsache, dass so viele Menschen gleich von Geburt an in Not und Elend hineingesetzt werden und ihr ganzes Leben lang darin verbleiben, und stellen wir daneben die Kirchenlehre, dass Gott jede Seele bei ihrer Geburt erst ‚neu erschaffe‘.

Dann würde dies jeden denkenden Menschen ja geradezu herausfordern, einen Gott abzulehnen, der solche unverdiente Leiden einer ‚neugeschaffenen‘ (also unschuldigen!) Seele gleich von Anbeginn an aufbürdet und sie ihr ganzes Leben lang darin belässt und sie schließlich als ‚unverbesserlichen Sünder‘ auch noch der ‚ewigen Verdammnis‘ überantwortet.

Einen solchen ‚Gott‘ kann man nicht als gerecht, gütig und liebevoll anerkennen. Eine derartige Grausamkeit gegen hilflose Menschen wäre eine teuflische, sadistische, aber keine göttliche Handlung.

Die willkürliche und launenhafte Gestaltung eines ‚neu geschaffenen‘ Menschen als lasterhaft oder tugendhaft, geschickt oder ungeschickt, dumm und faul oder klug und fleißig, reich oder arm, genial oder blöde, wäre eine Vorausbestimmung des Schicksals in ihrer widerwärtigsten Form und gliche eher einer chaotischen Schöpfung von ungerecht behandelten fühlenden Wesen, einem wahren Pandämonium ohne Sinn und Vernunft.

Das wäre kein Kosmos, in dem in schönster Ordnung ein Gesetz wirkt, das aus niederen und einfachen Formen immer höhere und zusammengesetztere entwickelt und augenscheinlich in voller Gerechtigkeit, Harmonie und Schönheit waltet.

Dieses im Kosmos waltende Gesetz ist eben das Gesetz der periodischen Wiederkehr in Verbindung mit der Lehre von Karma, wodurch alle die erwähnten Unterschiede und krassen Gegensätze eine zwanglose Erklärung und versöhnende Rechtfertigung finden.

Keine noch so fein ausgeklügelte jesuitische Spitzfindigkeit der orthodoxen Theologen mit ihren zweifelhaften Vertröstungen auf ein ‚besseres Jenseits‘, ihrer ‚stellvertretenden Erlösung‘ durch Leiden und Sterben eines unschuldigen Gottessohnes kann eine ebenso gute Erklärung für diese Unterschiede geben, geschweige denn gar eine bessere.
“ (Q1)

Im Westen wurde der Mensch gelehrt, an einen persönlichen Gott außerhalb von sich selbst zu glauben, einen Gott, der mit Gebeten beeinflusst werden kann und der tatsächlich eine Wiederspiegelung der menschlichen Persönlichkeit im großen ist.
Zugleich lehrte man ihn, dass er in Sünde geboren sei, und dass ein Zustand des ewigen Glücks oder ewige Verdammnis diesem kurzen Leben auf Erden folgen werde, einem Leben in dem es häufig ungleiche Chancen gibt.
Es ist verständlich, dass diese Ansichten die Entfaltung der unpersönlichen, erhabenen und göttlichen Aspekte der menschlichen Natur hemmen. Dass man ihn lehrte, seine Sünden könnten verziehen werden, und dass er glauben sollte, dass das Blut des Gottessohnes ihn retten werde, ließ sein Gefühl für Gerechtigkeit abstumpfen.
Trotzdem spielen Eigenschaften, wie Mitleid, Freundlichkeit, Duldsamkeit und Barmherzigkeit noch immer eine bedeutende Rolle im Westen, was ein unverkennbarer Beweis für den göttlichen Kern im Herzen des Menschen ist.

H.P BLAVATSKY, Die entschleierte Isis, Bd II, S. 545:
Aber wenn wir uns außerhalb des kleinen Glaubenskreises begeben und das Universum als Ganzes betrachten, das durch die ausgezeichnete Anpassung seiner Teile ausbalanciert ist, wie empört sich alle gesunde Logik, wie der schwächste Flimmer eines Gerechtigkeitssinnes gegen die stellvertretende Erlösung!
Wenn ein Verbrecher nur gegen sich selbst sündigte und niemand außer sich selbst Böses tat, wenn er durch ernsthafte Reue die Auslöschung vergangener Ereignisse nicht nur aus dem Gedächtnisse des Menschen, sondern auch aus dem unvergänglichen Verzeichnisse, das keine Gottheit – selbst nicht die Erhabenste der Erhabenen, verschwinden machen kann – verursachen könnte, dann würde dieses Dogma nicht unbegreiflich sein.
Aber zu behaupten, dass man seinem Mitmenschen Unrecht tun dürfe, ihn erschlagen, das Gleichgewicht der Gesellschaft und die natürliche Ordnung stören dürfe und dann – ob aus Feigheit, Hoffnung oder Zwang, das ist gleichgültig – die Verzeihung erlangen könne durch den Glauben, dass das Verspritzen des Blutes des Einen das Blut des Anderen, das man verspritzt hat – das ist mehr als abgeschmackt!
Kann das Resultat eines Verbrechens selbst dann, wenn das Verbrechen verziehen würde, aufgehoben werden?
Die Wirkungen einer Ursache sind nie auf die Grenzen der Ursache beschränkt, noch können die Folgen eines Verbrechens auf den Täter und sein Opfer beschränkt werden. Sowohl jede gute als auch jede üble Handlung haben ihre Wirkungen, so sicher wie der Stein, der in ein ruhiges Wasser geschleudert wird.

(aus Q2)

Wer nicht dogmatisch verblendet mit offenen Augen die Bibel liest, findet einige Textstellen die auf ein Vorhandensein eines Reinkarnationsglaubens auch im frühchristlichen Raum hinweisen:

Meister, wer hat gesündigt, dass dieser blind geboren ist, er oder seine Eltern.
(Johannes Evangelium)

Diese Textstelle ist ein Hinweis darauf, dass die Vorstellung ein Blinder könne seine Blindheit selbst verschuldet haben, zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich war.

Jesus fragte die Jünger:
Was sagen die Leute, dass ich sei?
Sie antworteten:
Etliche sagen, Du seiest Elias, andere, Du seiest Jeremias oder der Propheten einer.

Auch der Gedanke an eine Wiederverkörperung war also durchaus nicht ungewöhnlich.

Oder im Alten Testament (Psalm 90, 2-3)
Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: ‚Kehret wieder Menschenkinder.‘“

Es wird Der, der die Welt und alles geschaffen hat, euch den Odem und das Leben wiedergeben"
(Makkabäer, 7,23)

Aber deine Toten werden leben und mit dem Körper auferstehen.
(Jesaias 26,19)

Eine Stelle, die exoterisch (rein äußerlich-buchstäblich) gedeutet eine üble Ungerechtigkeit ausdrückt, wird in der Betrachtung ihres esoterischen (inneren, mystischen) Sinnes wieder zu einem Hinweis auf die Wiederverkörperungslehre, speziell ihren karmischen Aspekt:

Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.“

Im Sinne der Wiederverkörperungslehre und des Karma-Gesetzes ergibt sich folgender ‚innerer Sinn‘, denn „nach dem esoterischen Sinn dieses Bibelwortes sind unter den ‚Kindern‘ nicht die leiblichen Nachkommen irdischer Väter zu verstehen, sondern die nächstfolgenden Verkörperungen jener menschlichen Seele, die in ihrer gegenwärtigen Verkörperung die Sünden begeht“ und gemäß dem Karma-Gesetz für alle seine „Sünden“ selbst und alleinig verantwortlich ist und dafür Sühne leisten muss!
Da die Kirche jedoch die Reinkarnationslehre auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel verbannt und die entsprechenden Textstellen aus der Bibel entfernt wurden, nahm sie den Menschen einen wesentlichen Sinngebungsrahmen für sein Leben, sein „Schicksal“ und sein Empfinden für seine Eigenverantwortlichkeit bei jeglichem Tun, der Tatsache, dass jeder sich sein Schicksal selbst schmiedet und für die Folgen seines Tuns verantwortlich ist.
Natürlich ist es leichter die Verantwortung einer höheren Instanz zu übergeben, so wie man einem Lastesel die Lasten aufbürdet, die man selbst nicht tragen will …

Religion als mehr oder weniger unverbindliches Regelwerk, deren Sanktionen (seien es nun Belohnungen oder Bestrafungen) in einem imaginären Irgendwo stattfinden oder allgemein gesagt: Religion als ein vom alltäglichen getrennter Bereich geht an ihrem eigentlichen Sinn vorbei.Religion im eigentlichen Sinn ist mehr als blosse Konfession, mehr als Lippenbekenntnis, mehr als das sich Offenhalten eines Türchens, falls da nach dem Tod doch was ist.

Religion bedeutet die Verbindung zum Urgrund des Seins, wo Gottheit und Sein sich berühren und durchdringen, wo "Seelengrund und Gottesgrund eins sind" (nach Meister Eckhard).

Hat man diesen Punkt erreicht, so ist und handelt man in und aus dem Ganzen, ist nicht länger im "Irrwahn des Sonderseins", des Getrenntseins gefangen und man folgt nicht länger eigennützigen Motiven, da man sich der Wirkungen seines Tuns und Handelns für sich selbst und das Ganze und all der karmischen Rückwirkungen bewusst wird. Religion und Leben sind eins. Jeder Gedanke, jede Handlung, jedes Gefühl wirkt auf das Ganze und in dem Ganzen, in das ich eingewoben bin, das mich durchdringt.


Quellen:
Q1: Theosophischer Katechismus, Johannes Fährmann, Bd II, „Die Lehre von der Wiederverkörperung des Menschen“, Abs. 63
Q2: Theosophische Perspektiven – BAND 3 – KARMA, Gertrude W. van Pelt, Theosophische Gesellschaft Pasadena

Berufung

"Er sah, dass die Geistlichen nicht vom wahren Licht geleitet sind, sondern, sondern predigen, was sie aus Büchern und alten Schriftstellern entnehmen, statt zu künden, was der Geist Gottes ihnen durch das innere Wort zu sagen
gebietet. Die Berufung zum geistlichen Lehrer und Priester wird nicht durch Hochschulstudium erworben, sondern kommt aus dem Geiste
". (von einem Zeitgenossen über George Fox)

"Ich lese oft die Bibel; aber näher als die Schrift ist mir das unmittelbare Wort Gottes im Herzen, das die Worte der Schrift erst lebendig macht. Wichtiger als äußere
Beleuchtung ist das innere Licht, das kein natürliches, sondern geistiges und göttliches Licht ist, an dem jeder Teil hat, der sich schweigend einwärts wendet.
Darum sage ich: Nicht Schrift, sondern Geist, nicht Christus mit uns, sondern Christus in uns.
" (George Fox)

Wahres Christentum

Wahres Christentum heißt Vorleben, nicht Vorbeten. Es heißt: Bruderliebe, nicht Nächsten- und Fremdenhaß.
Es meint: Einheit, nicht Glaubensspaltung und Meinungsstreit.
Es meint: Erkenntnis, nicht Bekenntnis.
Hier haben die Kirchen weithin versagt. Wenn ihre Gegner von der 'unheiligen Dreifaltigkeit von Kirche, Kapital und Kanonen' sprechen, haben sie leider recht.
Denn wo wird nach der goldenen Regel Christi gehandelt?
Wo wird statt des Trennenden das Gemeinsame und Einende vorangestellt?
Wo wird die Religion als Weg zu unmittelbarer Wieder-Verbindung mit dem Göttlichen so gelehrt und vermittelt, dass jeder ihn gehen und auf ihm zu rechtem Denken und Leben, zu fortschreitendener Vervollkommnung und Gotterfahrung gelangen kann?