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Leid

Das Leid der Vergänglichkeit ist der Mahner, dass wir unvergänglich sind. (Hans Much)
„Der Mensch ist ein zwiefaches Wesen: er ist ein materielles, zerstörbares, vergängliches Geschöpf – und zugleich ist er eine geistige, unzerstörbare, unvergängliche Wesenheit. Die Letztere war vom dem ersteren.“
(KOS)

Vom Wesen des Leidens

Die äußere Hülle, das Sinnengewand oder einfach der Körper ist auf den Genuss der Objekte der materiellen Welt ausgerichtet. Vermittels seiner äußeren Sinne: Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken und Denken lebt es in einer Welt der sinnlichen Wahrnehmung.
Nun kann keiner der Sinne dieses körperlichen „Wahrnehmungsapparates“ einen Genuss festhalten. Man kann sich einen kurzen trügerischen Moment einem Genuss hingeben, der im gleichen Moment jedoch stirbt, genommen wird von der Zeit und mit größerem zeitlichen Abstand immer schaler und lebloser wird, verblasst als verkrüppeltes Bild der Erinnerung, sich einreiht in die toten Bilder des Vergangenen.
Der Lebenstrieb oder der Wille nach der Welt, der Verkörperung ist Ursacher dieses Strebens -eines Strebens, das immer nur Leid verursacht, wobei unter Leid, die Hemmung des Wollens (Schopenhauer), die Durchkreuzung des Willens zu verstehen ist. Was den Willen durchkreuzt ist die Vergänglichkeit alles Irdischen, alles Materiellen, die stetige Wandlung der Formen.
Nichts bleibt, wie es ist – wie Wasser rinnen die Dinge mir zwischen den Fingern hindurch, will ich sie greifen und halten. Keinen noch so kurzen Augenblick kann ich festhalten. In dem Moment da ich ihn wahrnehme ist der Augenblick der Sinnenmoment schon vergangen, tot und lebt als ebenso leidbringendes Trugbild in meiner Erinnerung: leblos, geschmacklos. Ihn immer wieder in Gedanken zu durchleben, ihm Genuss entziehen zu wollen ist so als würde man eine Mahlzeit immer wieder aufwärmen, wobei diese jedoch immer mehr an Geschmack verliert und schließlich ungenießbar wird, ein lebloser und geschmackloser Brei.
Aus der Tatsache, dass das Vergängliche gegen unseren inneren wesensgemäßen Willen gerichtet ist und Leid oder Reibung verursacht, muss da unser Wille nicht, seinem Wesen nach, eigentlich auf gerade das Gegenteilige gerichtet sein, auf das Unvergängliche?
Oder wie Hans Much es auf den Punkt bringt: „Das Leid der Vergänglichkeit ist der Mahner, dass wir unvergänglich sind.

Wo kein ichhaftes Wollen, da keine Willensdurchkreuzung und somit kein Leiden.

Es ist in uns eine Instanz, die das Vergängliche und das Leiden wahrnimmt, von außen betrachtet und nicht davon berührt wird. Etwas, das selbst vergänglich ist, kann die Vergänglichkeit nicht wahrnehmen. Nur vom Zustand der Kälte aus, kann Wärme wahrgenommen werden. Nur vom Standpunkt des Unvergänglichen kann Vergänglichkeit wahrgenommen werden. Das Unvergängliche ist der Hintergrund des Vergänglichen.
Beim Leidenden sind Betrachter, Betrachtung und Betrachtetes getrennt.
Das sinnliche Leben klebt an den Dingen. Es ist so als sei man im Netz einer Spinne gefangen – je mehr man sich bewegt, desto mehr verfängt man sich im Netz. Je mehr man nach sinnlichem Genuss strebt, desto stärker erlebt und erleidet man die Vergänglichkeit, lockt die Spinne der Welt, die einem langsam das Leben aussaugt.
Lebenskraft geht so verloren an weltliche, sinnliche Genüsse.
Durch die Welt gehen, ohne an irgendetwas zu kleben, ohne Spuren zu hinterlassen, durch das Netz einfach hindurch gehen - das ist der Weg der Leidüberwindung durch Nicht-Wollen.
Somit berühren die Leiden wie Krankheit und Tod den unvergänglichen Wesenskern nicht. Dieser kann weder krank sein, noch sterben.

Tod, wo ist dein Stachel? Krankheit, wo deine Schrecken?“ (Georg Grimm)

Die Haftung am weltlichen geschieht vermittels meines Körpers, „den ich zur Erzeugung von Empfindungen und Wahrnehmungen der Welt gebrauche, als Mittel zum Zweck die Welt zu Empfinden und Wahrzunehmen.“ (Georg Grimm)
Wenn ein solches Verlangen in mir vorhanden ist, so muss es vorher schon in mir gewesen sein oder anders herum: muss es eine Fortführung eines bereits seit längerer ungewisser Zeit bestehenden Triebes oder Willens sein.
Ich habe folglich also vor dieser Verkörperung schon mehrere Körper besessen, deren Form immer von meinem Willen, dem Lebensdurst, gewählt wurde, ebenso wie die Verhältnisse des Lebens von der Art und Richtung unseres Wollens oder Denkens geprägt sind.
Jeder ist selbst für seinen Körper und die Umstände seines Lebens verantwortlich, da er selbst sie geschaffen hat in einer unübersehbar langen Kette von Wiederverkörperungen.
Das alles hat nicht dein Vater getan, hat nicht deine Mutter getan, hat kein Gott und kein Teufel getan; du selbst hast es getan; du selbst hast nunmehr die Ernte davon einzutragen …“ (Georg Grimm).

Leiden ist eine Art von Entwicklungsmotor für den Menschen. Es ist die Reibung zwischen seinem Wollen und dem göttlichen Willen, das ihn schleift und formt hin zu dem
was der Mensch wesentlich ist. Es ist die Wirkkraft des Karma, des Ausgleichsgesetzes, das hier Geltung hat.
Denn:
"Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
" (Goethe)

Hieraus erwächst dem Menschen eine ungeheure Freiheit, die wahre Freiheit, die nicht in irgendeinem Gesetzbuch steht, sondern die jeder in sich trägt: die Fähigkeit und die Pflicht unser Schicksal allein und selbst zu gestalten!
Es gibt keinen abgegrenzten Gott oder eine Instanz mit Namen Schicksal, die irgendwo sitzt und Schicksalsfäden webt.
Nur gibt es das Leben, das alles durchwirkt, den Weltgeist, der in jedem Wesen wirksam, vom Menschen aber schicksalsgestaltend genutzt werden kann.

So muss aus dem alten Menschen, dem Sinnenmensch ein neuer Mensch werden, durch Leiden geläutert und wesenhaft in Denken und Tun.

Vom Leben, riesenhaft in Lust und Leid und Leidenschaft,
Für freie Tat geformt nach göttlichen Gesetzen,
Den Neuen Menschen singe ich.

(Walt Whitman)

Schmerz, Freude und Leid


Euer Schmerz ist das Aufbrechen der Schale, die euer Verstehen umschließt. Ebenso wie der Stein des Pfirsichs aufbrechen muss, damit sein Herz sich in die Sonne erheben kann, müsst ihr den Schmerz erfahren.
Und könntet ihr in euren Herzen das Staunen über die täglichen Wunder eures Lebens wach halten, erschiene euch euer Schmerz nicht weniger wunderbar als eure Freude.
Und ihr würdet die Jahreszeiten eurer Seele ebenso annehmen, wie ihr von jeher die Jahreszeiten angenommen habt, die über eure Felder ziehen.
Und ihr würdet die Winter eures Kummers mit heiterer Gelassenheit durchwachen.
Euer Schmerz ist größtenteils selbst erwählt.
Er ist der bittere Trank, mit dem der Arzt in euch euer krankes Selbst kuriert.
Vertraut also dem Arzt und trinkt seine Medizin ruhig und ohne zu murren.
Denn seine schwere und harte Hand gehorcht der sanften Hand des Unsichtbaren.
Und der Becher, den er euch reicht, verbrennt euch zwar die Lippen, doch er ist aus dem Ton geformt, den der Töpfer mit seinen eigenen heiligen Tränen benetzte.

(Khalil Gibran)

Eure Freude ist euer entschleiertes Leid.
Und derselbe Brunnen, dem euer Lachen entsteigt, war oftmals mit euren Tränen gefüllt.
Und wie könnte es auch anders sein?
Je tiefer sich jenes Leid in euer Wesen gräbt, desto mehr Freude könnt ihr fassen.
Ist nicht der Becher, der euren Wein enthält, derselbe Becher, der im Töpferofen glühte?
Und ist nicht die Laute, die eure Seele erfreut, eben das Holz, das Messerklingen höhlten?
Wenn ihr glücklich seid, blickt tief in euer Herz, und ihr werdet erkennen, dass gerade das, was euch leiden ließ, euch jetzt Freude schenkt.
Wenn ihr bekümmert seid, blickt abermals in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit über das weint, was zuvor Freude wahr.
Manche von euch sagen: ‚Die Freude wiegt schwerer als das Leid‘, und andere sagen: ‚Nein, schwerer wiegt das Leid.‘
Ich aber sage euch: Die beiden sind untrennbar.
Sie kommen stets gemeinsam, und sitzt nur das eine mit euch an eurem Tisch, vergesst nicht, dass das andere auf eurem Bett schläft.
Wahrlich, ich hängt wie eine Waage zwischen eurem Leid und eurer Freude.
Nur wenn ihr leer seid, schwebt ihr reglos und im Gleichgewicht.
Wenn der Schatzsucher euch hebt, um sein Gold und sein Silber zu wägen, können eurer Freude oder Leid nicht anders, als steigen oder fallen
.“ (Khalil Gibran)

"Blicke um dich, Mensch, da, wo du lebst!
Im Strome der Zeit, in dem eine Stunde die andere tilgt, ein Augenblick den anderen zerstört, lösen Freuden und Leiden einander ab.
Vergeblich schmachtest du nach dauerndem Glück.
Die Befriedigung der Begierden sättigt dich nicht.
Entfernung, Trennung und Tod entreißen dir, was du liebst. Gram, Alter und Krankheit rauben dir den Frieden.
Du lebst in den Fesseln der Körperlichkeit wie in einem Kerker.
" (Carl von Eckartshausen)

"Laß mich verzweifeln, Gott, an mir,
Doch nicht dir!
Laß mich des Irrens ganzen Jammer schmecken,
Laß alles Leides Flamme an mir lecken,
Laß mich erleiden alle Schmach,
Hilf nicht mich erhalten,
Hilf nicht mich entfalten!
Doch wenn mir alles Ich zerbrach,
Dann zeige mir,
Daß du es warst,
Daß du die Flammen und das Leide gebarst,
Denn gern will ich verderben,
Will gerne sterben,
Doch sterben kann ich nur in dir.
"
(Hermann Hesse)

Nicht ist es dem Menschen möglich sich mit dem Gegenstand seiner Selbstsucht in Liebe zu vereinigen, da diese nur auf die vergängliche äußere Form gerichtet ist:
Einsam ist die Menschenseele:
Ob wir Herz an Herz auch drücken,
klafft doch immer eine Tiefkluft,
Die wir niemals überbrücken;
Nichts kann ganz das andere werden.
Jeder folgt dem eig‘ nen Triebe,
Und ein Traumbild bleibt die Sehnsucht,
Und ein schöner Wahn die Liebe.

(Hamerling)

"Wonach du sehnlich ausgeschaut,
Es wurde dir beschieden.
Du triumphierst und jubelst laut:
Jetzt hab ich endlich Frieden!

Ach, Freundchen, rede nicht so wild,
Bezähme deine Zunge!
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,
Kriegt augenblicklich Junge."


(Wilhelm Busch, "Schein und Sein")

Es gilt zu meiden, dass sich Leidenschaft
Stets am Vergänglichen entzünde.
Dies ist die eigentliche „Sünde“,
die immerzu nur Leiden schafft.

"Eine Vergeltung, d.h. ein gerechter Ausgleich mag oft erst spät einem Unrecht folgen, aber sie folgt ihm, weil sie es unzertrennlich begleitet. Verbrechen und Strafe wachsen aus einem Stamm. Die Strafe ist eine Frucht, die unerwartet in der Blüte der Lust reift, welche sie verbarg. Ursache und Wirkung, Mittel und Ergebnis, Same und Frucht können nicht getrennt werden, die Wirkung blüht und reift schon in der Ursache, das Ergebnis ist im Mittel enthalten, die Frucht im Samen...

Niemand kann mir schaden, als ich selber. Alles Leid, das ich trage, liegt in mir selber. Unglücklich bin ich immer nur durch meine eigenen Fehler. Im Übrigen ist es nur das Endliche in mir, das sich quält und leidet; das Unendliche in mir liegt hingestreckt in lächelnder Ruhe."

(R.W. Emerson)