Startseite

Vom Scheitern

Mit Unvollkommenem zu ringen, ist das Los
des Menschen, ist sein Wert und nicht sein Mangel bloß;
Was unvollkommen ist, das soll vollkommen werden,
Denn nur zum Werden, nicht zum Sein sind wir auf Erden."
(Rückert)

Vom Scheitern und sich selbst Erweitern

Man sieht im Leben immer wieder Menschen, denen scheinbar alles gelingt, die „erfolgreich“ sind.
Zugleich gibt es aber jene, denen scheinbar nichts gelingen will – die Erfolglosen, diejenigen, die „scheitern“.

Zunächst muss man sich bei dieser Betrachtung klar machen, was „Erfolg“ oder „erfolgreich sein“ überhaupt dem Sinn nach bedeutet. Dann erschliesst sich auch der Sinn des "Scheiterns".
Die landläufige und im Grunde oberflächliche Sichtweise versteht unter Erfolg einen eher statischen Zustand, den es zu erhalten gilt - eine gerade, aufsteigende Linie im Leben ohne Abweichungen oder Irrwege.
Ihre Stationen sind Schule, Beruf, Familie, Kinder, Haus, Karriere, Rente und Lebensabend. Es ist die Illusion eines vorbestimmten, geregelten, problemfreien Lebens.
Alles, was nicht in dieses Schema passt, wird verdrängt. Ein Abweichen im Sinne von Scheitern an einem beliebigen Punkt dieser „Kette der Glückseligkeit und Sicherheit“ bringt nun aber das gesamte Gefüge ins Wanken. Man ist auf sich selbst zurückgeworfen, dem Zweifel und der dazugehörigen Unsicherheit ausgesetzt.
Bildlich ausgedrückt bewegen sich die meisten von uns auf der langen, breiten, gut ausgebauten Straße mit festem Belag, auf der man sicher von einer bekannten Station zur nächsten voranschreiten kann. Hindernisse oder Schlaglöcher gibt es keine – so die Illusion.
So rühmt man sich dann seiner Erfolge in der Schule, im Beruf, seiner ach so gut gelungenen Kinder, die möglichst die eigene „Lebensleistung“ noch übertreffen sollen und mit deren „Leistungen“ im Rahmen der Illusion man sich gerne selbst schmückt. So will jeder auch mehr und besser sein als andere, zieht er doch aus diesem Umstand sein ganzes Selbstbewusstsein, seine Daseinsberechtigung.
Doch geht es hierbei letztlich nicht um völlig Oberflächliches, vor allem aber „Vergängliches“ – welchen Wert, welchen Sinn hat dieses Streben?
Was ist nun mit dem, der an einem beliebigen Punkt falsch abbiegt, scheitert?
Was ist mit dem, der in der Schule scheitert? Die Folge ist ein schlechter Beruf und vermutlich keine Karriere.
Was ist mit dem, der im Bereich „Familie“ scheitert, sei es durch Scheidung oder „misslungene Kinder“?
Kann der Sinn des Daseins wirklich darin bestehen diesen immer gleichen „Erfolgsweg“ zu gehen?
Warum sind bestimmte Menschen nicht erfolgreich, was machen sie falsch?
Was ist, wenn ich dem „Erfolgreichen“ (dem, der reich an Erfolg ist) die Attribute, Symbole seines Erfolges nehme?
Nehme ich ihm seine Titel, sein Auto, sein Haus, sein Geld – die Stützen seiner Existenz – was bleibt?
Ja, was bleibt…?
All diese Stützen sind doch bloß Krücken, mit denen man durch das Leben geht und vor allem: sie sind vergänglich, zerbrechlich – denn am Ende zerbricht die Form!
Was bleibt?
Mein Dasein ist vergänglich und kann jederzeit enden – und vor allem: Es wird enden. Daran ist nicht zu rütteln.
Das Ziel des vergänglichen Daseins ist immer der Tod, das Verlöschen aller Gedanken, Gefühle, allen Erfolges in seiner Negation.
Somit steht am Ende der Misserfolg!
Das Intervall dieser Art von Dasein ist begrenzt, gefüllt mit Vergänglichem, die Erfolgslinie endet abrupt – und dann?
Was bleibt?
Man mag ein paar Spuren hinterlassen, in Erinnerungen anderer eine Weile weiterleben, doch auch diese sind irgendwann erloschen.
Die Erinnerung an Menschen, die Großes geleistet haben, mag vielleicht einige hundert oder tausend Jahre im kollektiven Gedächtnis verweilen, durch ihre Bauwerke, Kunstwerke, literarischen Werke oder wissenschaftliche Entdeckungen, doch auch sie sind irgendwann verschwunden, ihre Erinnerungsbilder verblasst, erloschen.
Ein Aufblitzen im Nichts, denn das Universum entstand ja aus nichts und wird auch als solches enden, ist also Nichts! So wird ja alles quasi ad absurdum geführt; das scheinbar Existierende mit Null multipliziert, so man dieser Anschauung konsequent folgt
Hier ist auch kein Platz für einen Gott, denn auch er wäre nichts, so er Teil des Ganzen ist.
Stünde er ausserhalb – warum sollte er etwas so vollkommen Sinnloses erschaffen, das ja im Grunde gar nicht existiert?
Auf dieser Denkschiene kommt man nicht weiter, man verzweifelt, muss an der Sinnlosigkeit des Seins verzweifeln -außer man hangelt sich an der illusionären „Erfolgslinie“ entlang, die so tut, als wäre sie sinnvoll in ihrem begrenzten Rahmen mit festen Zwischenstufen. Aber keine davon kann ich festhalten, in keiner dauerhaft verweilen – eine löst die andere ab, nur Totes und Vergangenes sehe ich hinter mir, vermeintlich sichere Häfen vor mir. Bin ich erst dort, lösen aber auch diese sich auf, erweisen sich als Illusion.
Was kann da Halt geben.. Kann ich mich an einem fließenden Gewässer festhalten?
Jeder einzelne meiner Sinneseindrücke ist doch bereits in dem Moment, wenn er mir bewusst ist, vergangen. Ich kann ihn nicht halten, nicht wiederholen, nicht genießen im Sinne von „darin verweilen“.
Ein Mensch geht an mir vorüber: ich sehe ihn und doch geht er weiter. Ich mag das Bild eine Weile im Gedächtnis halten, jedoch bin ich am nächsten Tag an der gleichen Stelle ist wieder alles ganz anders, begegnen mir andere Menschen und so fort … Das ursprüngliche Bild ist Vergangenheit, reiht sich ein in die Reihe der absterbenden, toten Bilder.
So zehrt man von Totem, denn das eigentlich Lebendige weilt nur einen kurzen Augenblick und stirbt in der Erinnerung.
An alle wahrgenommenen Eindrücke haften sich sogleich Gefühle, sie werden sozusagen von einer Gefühlshülle eingeschlossen, was ihre Erinnerung fester einprägt, Begierden hervorruft, den Drang zur Wiederholung eines Sinneseindruckes. Doch ist es hier wie mit aufgewärmtem Essen, immer fader und geschmackloser wird es, faulig irgendwann.
Ja, man plant ach so gerne seine Zukunft und vergisst dabei, dass diese nur ein Gedankenbild, eine Illusion ist.
Ja, man vergiss so gerne den Tod, den großen Nehmer, der dann plötzlich und völlig unerwartet vor einem steht mit seinem Stundenglase. „Sieh, deine Zeit ist abgelaufen!“ bedeutet er mir. „Komm!“ – ganz ohne Worte.
Da hilft kein Jammern und Wehklagen. Meine Zukunftspläne interessieren ihn nicht. Meine Lebenserfolge interessieren ihn nicht, beeindrucken ihn in keinster Weise.
„Komm!“
„Du kennst nicht den Ort seines Kommens und nicht die Stunde. Die Ziffernblätter deiner Lebensuhr siehst du nicht, Mensch!“ auch das bedeutet mir sein Vor-mir-Stehen.
Ich lebe also nur um zu sterben, was dazwischen passiert ist belanglos, da alles mit dem Tode und in ihm verlischt. Der Tod nimmt mir alles, auch mich selbst!
Ist nicht dieses „Ich“ im Grund ein Gemengsel an Gedanken (fremden oder eigenen), gesteuert von Trieben und Wünschen, die allesamt nur auf Vergängliches gerichtet sind und darüber hinaus selbstsüchtiger Natur entspringen. Hat dieses „Ich“ überhaupt einen festen Kern, Substanz, festen Boden unter den Füssen?
Diese Sicht des Lebens kann, so man es konsequent durchdenkt, natürlich keinen Halt geben, da schon kleine Wegabweichungen oder Erschütterungen in Form von „Schicksalsschlägen“ das ganze schöne Gefüge erschüttern, wenn bei einem höheren Grad an Intensität sie es nicht ganz zertrümmern.
Und genau an diesem Punkt gelangen wir wieder zu einer Unstimmigkeit – dem Schicksal. Dem tieferen Wortsinn nach bedeutet dieses Wort „geschicktes Heil“ und nicht „Zufall“ (planloses, sinnloses Geschehen).
Glaubt man an das Wirken des Zufalls, so ist man wehrloses Opfer und Spielball sinnlosen Geschehens!
Wo ist der Ausweg?
Nun, man kann das Leben (im Sinne von Dasein) auch von einer anderen, höheren Warte aus betrachten, in dem man sehr weite Kreise um das Leben zieht, die sehr weit über eine Lebensspanne hinausgehen!
Wenn „Schicksal“ seinem Wesen und Sinn nach „geschicktes Heil“ ist, wer schickt es dann? Welches sind die zugrunde liegenden Wirkkräfte und Ausgleichsgesetze?
Es kann in diesem Sinne verstanden doch nur ein Korrektiv sein, das mich von einem festgefahrenen, falschen Wege abbringen soll, meinen Willen durchkreuzt und mich dadurch in Frage stellt und zu eigenständigem Denken und Handeln bewegen soll.
Es ist kein personalisierter Gott, der da lenkend wirkt, der belohnt oder straft. Nein, es ist das Wirkgefüge dieses unendlich mannigfaltigen Seins!
Die wirkende Grundkraft ist die Höherführung alles Lebens von einfachen Formen zu immer komplexeren und mehr noch: die stetige Erweiterung des Bewusstseins der sich höherentwickelnden Lebensformen und ihrer Seelen.
Dies macht nur Sinn, wenn da etwas ist, was diese Entwicklungsstufen durchläuft, denn diese haben ja keinen Selbstzweck.
Da muss in jeder Form ein Wesenskern oder Wesenskeim sein. Es ist das, was man gemeinhin als „Seele“ bezeichnet. Dieser Wesenskern durchwandert die Welten, legt sich immer neue Gewänder an und legt sie wieder ab, tauscht sie gegen andere – diese äußerlichen Attribute sind jedoch nur Beiwerk.
Dieser Wesenskern ist nicht die Wirkung körperlichen Geschehens, vielmehr ist er dessen Wirker.
Der Lebensweg des Menschen ist ein Werdeweg. Das, was hierbei „wird“ und werden muss, ist der innere Mensch, der Wesenskern. Dieser muss unvergänglich sein, denn ansonsten wäre ja jegliche Existenz sinnlos!
Dieser Werdeweg, diese Seelenwanderung kann sich vernünftigerweise nicht im Intervall eines Lebens abspielen. Zu kurz ist die Zeit, zu gering die Möglichkeiten und zu unterschiedlich die Anfangsbedingungen.
Diese Anfangsbedingungen jeder menschlichen Existenz sind in diesem Sinne natürlich nicht Folgen eines zufälligen Genmixes – auch sie müssen Sinn, Ziel und Ordnung haben auf dem langen Wege der Höherentwicklung.
Es kann also nur so sein, dass jede Lebensform stufenweise alle Formen durchläuft – von den niederen bis zu den höheren und ihre Lernerfahrungen macht und verinnerlicht.
So ist das, was ich jetzt bin, meine Lebenssituation, meine geistigen Fähigkeiten, meine Körperlichkeit, meine Familie, mein Heimatland, Folge und Ergebnis früherer Existenzen, meiner Taten und Gedanken in diesen.
So dient jede Einzelexistenz dem Sammeln von Erfahrungen auf dem Wege der Höherentwicklung, die anfang- und endelos ist, sein muss.
Es versteht sich von selbst, dass ein ruhiges, geradliniges, geplantes Leben ohne größere Höhen und Tiefen, kaum oder keine Entwicklungsmöglichkeiten bietet!
“Wer noch nie einen Misserfolg hatte, hat noch nie etwas Neues versucht.”(Albert Einstein)
Und in diesem Licht betrachtet hat das „Scheitern“ einen ganz anderen positiv aufgeladenen Sinn!
Denn jedes Scheitern ist ein Schritt nach vorn. Nur wer fällt, kann aufstehen und weitergehen, seinen Weg korrigieren.
So sind die Erfahrungen des Scheiterns die Hammerschläge, die die Seele formen, die neuen Wege, die ich mir erschließe.
In diesem Sinne ist es immer förderlicher, eigene Wege, abseits der vielbefahrenen Straßen zu gehen, sich seinen Weg durchs Dickicht mühevoll selbst zu bahnen!
„Wege entstehen dadurch, dass wir sie gehen.“ (Franz Kafka)
Davon abgesehen spielt jeder im Leben eine Rolle und zwar genau die Rolle, die seiner Weiterentwicklung am Förderlichsten ist, trifft die entsprechenden Menschen und wird in die zugehörigen Lebenssituationen geboren – sei es nun als König oder Bettler. Die Rolle als solche hat Ansehen nur in der Welt des Vergänglichen und ist Beiwerk. Entscheidend ist die Seele, die dahintersteht und die Rolle durchlebt. Meist ist es nicht der Welt-König, der auch Seelen-könig ist!
Der Reifegrad einer Seele zeigt sich in ihrer Leidensfähigkeit! Nicht zeigt sie sich im weltlichen Status!
Erfolgreich bin ich dann, wenn ich einen weiteren Schritt meiner Höherentwicklung vollendet habe, wie das Sprichwort schon sagt:
„Die Misserfolge schreibe in den Sand, die Erfolge meißle in Stein.“
Denn Misserfolge gehen vorüber, die Erfolge auf dem Weg nach oben bleiben bestehen!
Und vor allem: Man nehme die Gestaltung und Zielführung seines Lebens selbst in die Hand!
„Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt.“ (Dante Alighieri)
"Erfolg" in diesem, höheren Sinn verstanden, meint selbstredend keinen weltlichen Erfolg im Sinne von Geld, Karriere oder Ruhm, sondern in den Worten Hamblins:
"etwas, das die Welt verbessert und bereichert und zum Allgemeinwohl beiträgt", sowie "anderen bei ihrem Weg durchs Leben zu helfen".
Dies geht Hand in Hand mit der eigenen Vervollkommnung und Höherentwicklung, entspringt dieser und fördert sie zugleich und zieht Kreise weit über diese hinaus!