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freier Wille

"Wer an die Freiheit des menschlichen Willens glaubt, hat nie geliebt und nie gehasst."
"Soweit deine Selbstbeherrschung geht, so weit geht deine Freiheit."
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Vorbemerkung

In einem geordneten Ganzen müssen auch die Teile Regeln befolgen, können nicht regellos agieren, sich bewegen, denn dies würde den Zusammenhalt des Ganzen unmöglich machen. Eben hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der "Willensfreiheit", speziell beim Menschen.
Das Mineral folgt den Strukturgesetzen der Materie, die Pflanze den Formgesetzen ihrer Gattung, das Tier - in Anatomie und Verhalten - den Merkmalen seiner Art. Tier und Pflanze unterliegen ebenso den Strukturgesetzen der Materie. Alle Materie unterliegt den Naturgesetzen.
Jede dieser Entwicklungsstufen trägt die Eigenschaften aller ihm vorhergehenden Entwicklungsstufen in sich, erweitert diese aber durch neue, höhere Eigenschaften und deren Formen.
Beim Menschen ist dies die "Entscheidungsfreiheit" - die Entscheidung, ob er nach links oder nach rechts geht. Und doch kann auch hier keine "Willkür" herrschen - auch diese Entscheidungen sind Teil eines größeren Rahmens, der nicht verlassen werden kann.
Eben aufgrund dieser Entscheidungsfreiheit zwischen "gut" und "böse", schafft auch nur der Mensch sich ein "Karma".
Wo hier die Grenzen liegen der Entscheidungstoleranzen, der zulässigen Abweichungen von der Regel - wer weiß das?
Jeder trägt aber - gemäß seiner seelisch-geistigen Konstitution, seinem So-Sein - ein gewisses, begrenztes Repertoir an Werde- und Entscheidungsmöglichkeiten in sich ...
Esoterisch betrachtet hat jeder Mensch sich im Laufe seiner Entwicklung ein karmisches Netz gewoben, in dem er gefangen ist, das er aber überwinden kann. Dieses Netz verknüpft ihn auf bestimmte Art und Weise mit anderen Wesen - auch insofern ist sein Bewegungs- und Verhaltenspielraum sinnvoll begrenzt.
Das, was ich (geworden) bin entscheidet also über Art und Umfang meiner Entscheidungsmöglichkeiten, meiner "Willensfreiheit".

Hermann Hesse drückt dies in "Demian" in folgenden Worten aus:

"Aber wie ist das nun mit dem Willen?" fragte ich.
"Du sagst, man hat keinen freien Willen. Aber dann sagst du wieder, man brauche nur seinen Willen fest auf etwas zu richten, dann könne man sein Ziel erreichen. Das stimmt doch nicht! Wenn ich Herr über meinen Willen bin, dann kann ich ihn ja auch nicht beliebig da- oder dorthin richten." ...
"Gut, daß du fragst!", sagte er lachend. "Man muß immer fragen, man muß immer zweifeln. Aber die Sache ist sehr einfach. Wenn so ein Nachtfalter zum Beispiel auf einen Stern oder sonstwohin richten wollte, so könnte er das nicht. Nur - er versucht es überhaupt nicht. Er sucht nur das, was Sinn und Wert für ihn hat, was er braucht, was er unbedingt haben muß. Und eben da gelingt ihm auch das Unglaubliche - er entwickelt einen zauberhaften sechsten Sinn, den kein anderes Tier außer ihm hat!
Unsereiner hat mehr Spielraum, gewiß, und mehr Interessen als ein Tier. Aber auch wir sind in einem verhältnismäßig recht engen Kreis gebunden und können nicht darüber hinaus. Ich kann wohl das und das phantasieren, mir etwa einbilden, ich wolle unbedingt an den Nordpol kommen, oder so etwas, aber ausführen und genügend stark wollen kann ich das nur, wenn der Wunsch ganz in mir selbst liegt, wenn wirklich mein Wesen ganz von ihm erfüllt ist. Sobald das der Fall ist, sobald du etwas probierst, was dir von innen heraus befohlen wird, dann geht es auch, dann kannst du deinen Willen anspannen wie einen guten Gaul..."

Rudolf Steiner

Zum Verhältnis zwischen Karma und freiem Willen, also der Willensfreiheit, äußert sich Rudolf Steiner folgendermaßen:

"Die volle Freiheit des Menschengeistes ist das Ideal seiner Entwickelung. Man kann nicht fragen: Ist der Mensch frei oder unfrei?
Die Philosophen, welche die Frage nach der Freiheit so stellen, können niemals zu einem klaren Gedanken darüber kommen. Denn der Mensch ist im gegenwärtigen Zustande weder frei noch unfrei; sondern er befindet sich auf dem Wege zur Freiheit.
Er ist teilweise frei, teilweise unfrei.
Er ist in dem Maße frei, als er sich Erkenntnis, Bewusstsein des Weltzusammenhanges, erworben hat.
Dass unser Schicksal, unser Karma in Form einer unbedingten Notwendigkeit an uns herantritt, ist kein Hindernis unserer Freiheit. Denn wenn wir handeln, treten wir ja mit dem Maße unserer Selbständigkeit, die wir uns erworben haben, an dieses Schicksal heran. Nicht das Schicksal handelt, sondern wir handeln in Gemäßheit der Gesetze dieses Schicksals."

Eigene Betrachtung

Wie frei ist der Mensch eigentlich in seinen Willensentscheidungen?
Wenn jemand sagt „Ich will!“ – was heißt das, was steckt dahinter?
Sind solche Willensentscheidungen wirklich „frei“ im Sinne von unbeeinflusst?
Wenn ich etwas essen will, treibt mich der Hunger, also ein körperliches Bedürfnis.
Bin ich aufgeregt, verärgert sind meine Willensäußerung von Gefühlen gefärbt und verzerrt.
In der Schule oder auf der Hochschule wird mir gesagt, was und wie ich zu denken habe.
Viele Entscheidungen, wie der Kauf eines Autos, das Bauen eines Hauses, der Besuch einer Schule, das Erlernen eines Berufes sind im Grunde ein Befolgen von Konventionen, eher fremdbestimmt, als unabhängig und frei.
Viele dieser Einflüsse liegen psychisch so tief, dass sie einem gar nicht bewusst sind – ich meine hier solche Einflüsse aus dem „Gedächtnis der Art“, dem kollektiven Unbewussten (C.G. Jung)
Kaufentscheidungen sind sehr stark von der Werbung beeinflusst. Denn mit Freiheit hat es nichts zu tun, wenn ich mir ständig das neueste Handymodell oder Auto kaufen muss …
Das eigentliche Wesen der Unfreiheit besteht in der Abhängigkeit, im Hängen an vergänglichen Dingen, denn sie bestimmen mich in der Regel als mein eigener freier Wille.
Sie sind es, die mich durch mein Leben treiben und denen ich ständig hinterher jage, ohne je innere Befriedigung oder gar Glück zu finden.
Dieser "freie Wille" muss ja, um frei und unabhängig zu sein, in mir liegen, aus mir kommen und nie von außen.
Er darf nicht abhängig sein, keine Funktion von Irgendetwas, im Sinne von y=f(x) (mathematisch ausgedrückt).
Im Buddhismus gibt es eine recht einfache Methode diesen inneren, eigenen, freien Willen freizulegen.
Man muss dazu seine Gedanken beobachten und jeden einzelnen bis zu seiner Wurzel zurückverfolgen, die meist in Gefühlen, Wünschen, Trieben oder Fremdsuggestionen zu suchen ist.
Die Methode besteht darin, jeden dieser nicht in mir selbst gründenden Gedanken zu entfernen, zu sagen „Nicht-Ich“.
Was bleibt ist dann eine Art von innerer Leere (die die meisten fürchten und meiden). In dieser Leere aber findet sich der reine, innere Wille, frei von Gefühl, Trieb und Leidenschaft, frei von Fremdsuggestion, frei von Einflüssen des Vergänglichen.
Dort und nur dort ist der Mensch wirklich frei.