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Jean Gebser

„Der Weg des Menschen soll von der Ichlosigkeit über die Ichhaftigkeit zur Ichfreiheit führen.“
„Zuallererst müssen wir uns selber in Ordnung bringen, in die Ordnung, die größer ist als wir.“
(Jean Gebser)

Jean Gebser

Strukturierung des Bewusstseins nach Jean Gebser – die fünf Bewusstseinsstufen.
(Ich halte mich hier im Wesentlichen an den Text und die Formulierungen von Jean Gebser, ohne das in jedem Einzelfall zu kennzeichnen).

Diese Bewusstseinsstufen sind nicht als abgetrennte Schichten zu sehen, sondern „als Strukturen, deren Zusammenspiel unser Leben ermöglichen.“
Es sind dies:
1. Das Archaische Bewusstsein als Ursprungsbewusstsein
2. Das Magische Bewusstsein, gründend im Vitalbereich, dem Triebhaften
3. Das Mythische Bewusstsein, im Seelischen beheimatet
4. Das Mentale Bewusstsein (rationale Bewusstsein) oder das Denken schlechthin
5. Das Integrale Bewusstsein.

Gebser führt für die verschiedenen Bewusstseinstufen die folgenden Charakteristika auf:

Diese Bewusstseinstufe entspricht einem „Paradieszustand“, worin der Mensch „noch ganz und gar eingeschlossen ist, undifferenziert vom Kosmos, vom All, von Gott.
Der Mensch befindet sich hier im Zustand der „Identität mit dem Ganzen“. Sein Bewusstsein ist ein traumloser Zustand, ohne Trennung zur umgebenden Welt.
Himmel und Erde sind in seinem Bewusstsein noch nicht geschieden.
Dschuang Tsi beschrieb diesen Zustand mit den Worten: „Die wahrhaften Menschen der früheren Zeiten schliefen traumlos.


Aus der Identität des Archaischen Bewusstseins wird hier die „Einheit mit allem“. Es ist der Zustand des „schlafhaften Bewusstseins“, der jedoch nicht mit dem Zustand des Traumes verwechselt werden darf!
Der Mensch beginnt sich hier bereits der Natur, in die er noch eingebettet ist, gegenüberzustellen, ausgedrückt in Jagdritualen oder der Zauberei.
Kennzeichnend für diese Bewusstseinsstufe und damit diese von der unseren abgrenzend, sind folgende Charakteristika:
• Der „magische Mensch“ kann noch nicht logisch denken oder Kausalbeziehungen herstellen
• Was wir kausal aneinanderreihen, ist für ihn Gleichzeitigkeit (Alles wirkt auf Alles)
• Das Leben ist für diesen Menschen“ Gefügtheit, im Sinne von Fügung und „Zufall“ (siehe „Essenzen“ weiter unten)
Kennzeichnend für seinen Bewusstseinszustand ist auch das zugehörige „rezeptive Organ“, das Ohr.
Er ist somit ein empfangender, hörender, nicht bewusst handelnder Mensch im Zustand der Ichlosigkeit, der Raum- und Zeitlosigkeit.

Hier geht es um das Einander-Sich-Ergänzende, um das Sowohl-als-auch, um die Individual- und Kollektivträume der Menschheit, die Mythen.
Der zugrundeliegende Bewusstseinszustand ist an die Seele gebunden, wir-haft –es ist das Traumbewusstsein.
Hier erwacht erstmals die Seele im Menschen. Die Unität des magischen Bewusstseins wird hier transformiert oder aufgespalten in die Polarität – „das Nichtanwesende ist als Abwesendes doch anwesend“.
Der Mensch unterscheidet zwischen dem Grün der Erde und dem Blau des Himmels.
Wahrgenommen werden polare Entsprechungen: das eine ist ohne das andere nicht denkbar.
Diese polaren Entsprechungen zeigen sich dem Menschen als Sonne/Mond, Mann/Frau, Tag/Nacht.
Wie im Tai-Chi-Symbol „gehört hier zu jedem uns sichtbaren auch seine entgegengesetzte Seite, ohne welche es das Ganze überhaupt nicht gibt.“
Es ist das Bild der Münze, deren zwei Seiten in der Münze vereint sind.
Die Wahrnehmung von Zeit beschränkt sich auf die Teilhabe an naturhaften und kosmischen Zeitläufen.
Es gibt noch kein Raumbewusstsein.

Hier sind wir in der Jetztzeit angelangt, dem gegenwärtig noch vorherrschenden Bewusstseinszustand des Menschen bzw. der gegenwärtig abklingende.
Hier erwacht der Mensch zum Tagbewusstsein, wird ich-haft. Nicht mehr ist er ich-los und wir-haft im Verbund von Familie oder Sippe eingewoben.
Hier stellt sich der Mensch selbstbewusst hin und sagt: „Ich bin ich – ihr seid die anderen!“
Die bildhaft-erschauten Schilderung des magischen Bewusstseins wird hier transformiert in die beweisende Darstellung, den Dialog mit den anderen (siehe Plato).
Erstmals wird hier der Raum bewusst wahrgenommen, die Perspektive entdeckt.
In der Kunstgeschichte tritt dieses Raumbewusstsein auf in der Renaissance.

Eingeleitet wurde diese Bewusstseinsstufe, die noch im Werden begriffen ist, durch den „Sturz der vier Denkpfeiler“, die bis dahin das Weltbild bestimmten:
I. Die Überhöhung der euklidischen Geometrie durch Gauß, Riemann und Einstein
II. Die aristotelische Logik mit ihrem Kernsatz „tertium non datur“, dem Entweder-oder in dem Sinne von „entweder ist etwas oder es ist nicht“ wurde erweitert zum
„Sowohl-als-auch“. Sinnbild ist hier die Dualität von Welle und Korpuskel als Erkenntnis der Quantenphysik.
III. Die demokritische Atomlehre mit den von ihr propagierten unteilbaren Atomen wurde zertrümmert durch die Entdeckung der Kernspaltung.
IV. Die ptolemäische Geozentrik wurde zur kopernikanischen Heliozentrik, mit der Folge, dass der Mensch seine Orientierung verliert und sich in sich selbst finden muss.

Das rationale Denken, seinem Wesen nach linear-kausal, teilend und finalgerichtet ist nicht mehr hinreichend zur Beschreibung der komplexen Welt und ihrer Zusammenhänge, es ist der Übergang zum vernetzten Denken, ohne dass z.B. ökologische Probleme gar nicht begreifbar sind.
Kausalität, die bislang linear entlang einer Zeitlinie begriffen wurde, erfolgt nun eher im Sinne der Kausalität der Scholastik (Aristoteles), die vier Ursachen unterscheidet, anstelle der bislang üblichen einen, in der Vergangenheit liegenden Ursache:
I. Die causa materialis, als die stoffliche Ursache (den stofflichen Urgrund)
II. Die causa formalis, als formgebende Ursache
III. Die causa efficiens, als bewirkende Ursache
IV. Die causa finalis, als die bestimmende Ursache (die Zielursache, die in der Zukunft liegt)

Der Astrologe Wolfgang Döbereiner hat für das Zusammenwirken dieser vier Ursachen ein sehr anschauliches Beispiel gegeben (z.B in den Buch "Erfahrungsbilder I")
Es geht um die Gestaltung eines Gefäßes aus einem Klumpen Ton.
Der Lehmklumpen an sich ist in diesem Beispiel der stoffliche Urgrund (causa materialis), der bestimmte Eigenschaften trägt und an sich statisch ist, seiner Veränderung harrt und diese herausfordert.
Diese im Lehm liegenden stofflichen Gestaltungsmöglichkeiten fordern eine bestimmte Gestaltung heraus, ausgehend von der Gestaltungsidee eines Töpfers - diese Gestaltungsidee ist die bewirkende Ursache (causa efficiens), die Vorstellung des Gefäßes im Kopf des Töpfers.
Dieser dynamische Gestaltungsimpuls muss nun formgebend umgesetzt werden, mit den Händen geformt werden - das ist die formgebende Ursache, das was dem Lehm die gewünschte Form gibt, die Gestaltung der Form des Gefäßes (causa formalis).
Das fertig gestaltete Gefaß als Ergebnis der Gestaltung des Tonklumpens nach der Gestaltungsvorstellung durch die Hände des Töpfers hat nun eine bestimmte Bedeutung, wird auf eine ganz bestimmte Art und Weise verwendet, z.B als Vase, als Wasserkrug, als Opfergefäß usw. - das ist die "unbeabsichtigte Bedeutung, die das Erwirkte mit sich bringt" (causa finalis).
Alle vier Ursachen wirken also Hand in Hand, nicht im Sinne linearer Kausalität, sondern eher wechselwirkend, sich gegenseitig herausfordernd und bedingend.

Der Weg des Menschen soll von der Ichlosigkeit über die Ichhaftigkeit zur Ichfreiheit führen.
Zuallererst müssen wir uns selber in Ordnung bringen, in die Ordnung, die größer ist als wir.
„Eine Lebensgestaltung ist nur dann möglich, wenn wir uns klar darüber Rechenschaft ablegen, wie wir als Einzelne bewusstseinsmäßig strukturiert sind.“
Das Leben ist magisch gefügt in dem Sinne, „dass man „aus seiner Art zu sein, zu reagieren, die Umwelt gestalten zu wollen, das konstelliert, was einem geschieht.
(Das ist nebenbei erwähnt, genau das, was man als „Karma“ bezeichnet, das sich jeder selbst schafft.)
Über den Zufall sagt Jean Gebser:
Hinter jedem Geschehen und beabsichtigten Tun „steckt jene tiefste Gefügtheit des Lebens, die eben doch noch die Kraft hat unsere Aktionen zu richten oder zu lenken, so dass wir dieser Gefügtheit nicht entgehen können.
Durch das Wort Zufall „berauben wir uns eines so großen Reichtums, und einer so großen Beziehungsfülle und der Einsicht in das Ineinanderwirken so vieler Dinge, die hintergründig sind … hinter der die Wirkung einer höheren Instanz steht.