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Seelenwanderung

"Gar viel ist meine Seele gewandert." (Buch Josua)

Einleitung

Eine Sammlung von Gedanken zur Reinkarnation oder Seelenwanderung.

Karma und Reinkarnation sind eng miteinander verwoben.

Bezüglich des Begriffes „Karma“ ist gemeinhin ein falsches Verständnis verbreitet.
Man redet von „gutem“ oder „schlechten“ Karma und meint gutes oder schlechtes Schicksal, geschaffen durch gute oder schlechte Taten.
Dieser Denkweise folgend, führen gute Taten zu gutem Schicksal oder Pluspunkten auf dem Schicksalskonto. Schlechte Taten führen zu einer schlechten Lebensbilanz und werden bestraft.
Das ganze gleicht dann mehr einer kaufmännischen Rechnung, die auf eigene Gewinn ausgerichtet, im Grunde also egoistischer Natur ist.

Untrennbar verknüpft mit dem Begriff des „Karma“ ist die „Reinkarnation“.
Die Überschüsse (Gewinne) guter Taten in diesem Leben, werden somit das Startkapital im nächsten Leben.
Natürlich will jeder eine möglichst gute Startposition haben, besser als andere.
Diese Sicht - genau genommen die damit verbundenen Wertungen - geht am wesentlichen vorbei.

In Wirklichkeit meint „Karma“ lediglich das Gesetz von Ursache und Wirkung, was vereinfacht ausdrücken kann:
„Was man sät, das erntet man.“
Jede Reinkarnation ist somit ein Ernten, dessen, was man zuvor gesät hat.
Karma bindet an das Rad der Wiedergeburt.

"Ich ernte, was ich gesät habe" heißt aber, dass ich durch mein Denken und Tun mein Leben und dessen Umstände - das Schicksal - gestalte.
Willensschwache Menschen, die ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen, erleiden das Schicksal, sind vermeintliche Opfer der Umstände, von denen sie hin und her gestoßen werden.
Willensstarke Menschen hingegen, die ein festes Ziel, eine starke innere Bestimmtheit haben, lenken und formen, gestalten ihr Schicksal, ihre Lebensumstände und erreichen in der Regel Großes.
Karma als solches ist weder „gut“ noch „böse“, es ist wertneutral.
Ganz so wie das dritte newtonsche Axiom:“ actio = reactio.“

Die Wertung kommt erst mit und durch den Betrachter - den Erleidenden oder den Gestalter.
Ob etwas gut (förderlich) oder schlecht (nachteilig) ist , zeigt sich oft erst nach einer gewissen Zeit.
So können sich Ereignisse, die kurzsichtig betrachtet als Nachteile erscheinen sich auf lange Sicht (nach Abschluss einer Ereigniskette) als sehr fruchtbringend erweisen und umgekehrt.
Wertungen von Ereignissen sind immer Folge einer räumlich und zeitlich eingeschränkten Sichtweíse.
Denn Sinn erfasst man meist erst im Nachhinein.

Die Lehre der Reinkarnation ist zur eigentlichen Sinngebung des Lebens fundamental, denn:

"... mit dieser Lehre erklären wir ... die scheinbaren Unterschiede im Leben der Menschen. Vor allem, warum einige reich und andere wiederum arm sind, die einen gesund und die anderen krank. Keine Philosophie der Welt erklärt diese Ungleichheiten, nur die indische Lehre von der Reinkarnation und dem Karma.
Darum sind diese beiden Lehren für jeden Menschen so wichtig.
"
(aus Karl Weinfurter, Der Königsweg)

Ich bin für alles in meinem Leben selbst verantwortlich - für Krankheit, Reichtum, Gesundheit oder Armut!
Sucht man Ursachen im Materiellen, so verliert man sich in unüberschaubarer Vielheit und Beliebigkeit.
Zielt man auf den Geist als wirkende Ursache, gelangt man zu dem Einen, dem Ursächlichen, der Einheit aller Dinge, ihrem Wesen.
Man muss ich in diesem Zusammenhang den Unterschied klarmachen zwischen "Wiederverkörperung" und "Wiedergeburt", die zwei qualitativ verschiedene Dinge bezeichnen:
"... Wiedergeburt ist ein innerer Wandlungsprozess; die Wiederverkörperung ist der äußere Wanderungsprozess. Das muss auseinandergehalten werden. - Wenn wir die innere Wiedergeburt, die Geburt Gottes in uns, auf Erden erlangt haben, haben wir alle Notwendigkeit, auf die Erde zurückzukehren aufgehoben. Wenn die innere Wandlung erlangt ist, ist unsere Erdenwanderung zu Ende. Wir treten durch die Wiedergeburt aus dem Kreis der Wiederverkörperungen in den Kreis der Wandlungen, - nicht mehr auf Erden, sondern in höheren Reichen des Kosmos."
(KOS)

Schließlich wird man dann sagen können:

"... Jetzt weiß ich, warum und wozu ich an mir arbeite, wofür ich neue Erkenntnisse sammle, warum ich andere Geschöpfe, Menschen und Tiere, liebe und ihnen helfe!
Jetzt sind mir die Unzulänglichkeiten und scheinbaren Ungerechtigkeiten dieses Lebens ein Ansporn, für die Zukunft bessere Bedingungen zu schaffen;
weiß ich doch jetzt, dass meine Kräfte und meine Möglichkeiten unbegrenzt sind, dass es keinen Tod gibt, sondern nur ewige Verwandlung und Höher-Wandlung, bis zur letzten Verwandlung in Gott.
" (KOS)

"Ich bin ein Suchender. Ich suche eine Erklärung für das Leben auf Erden. Ich möchte wissen, was es für einen Sinn hat, dass der Mensch geboren wird, unter vielen Schwierigkeiten auf einem Kinde ein Erwachsener wird, heiratet, weitere Kinder zur Welt bringt, die mit ebenso viel Schwierigkeiten erwachsen werden, auch heiraten, noch mehr Kinder auf die Welt stellen, die dann mit dem Alter die mühsam erworbenen Fähigkeiten wieder verlieren und sterben.
Eine unendliche Kette, ohne Anfang, ohne Ende!
Immerfort werden Kinder geboren, sie lernen, sie büffeln, sie wollen Körper und Verstand voll entwickeln - und nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit ist alles wieder aus, und sie werden unter der Erde zum Fraß der Würmer. Was hat das alles für einen Sinn? Alles nur, um immer weitere Generationen hervorzubringen?
Und wenn bestimmte Menschen nicht für die Nachkommen sorgen, sondern ein geistiges Werk hinterlassen, warum geht es ihnen dann ebenso wie den andern, dass sie altern und ihre hohen Gaben mit ihnen ins Grab sinken?
Ein Michelangelo, ein Leonardo da Vinci, ein Giordano Bruno, ein Goethe und viele andere - warum wurden sie geboren, wenn sie schließlich auch der Verwesung anheimfallen mussten wie der Wurm, der sich am Körper dieser Titanen mästete?
Nein! Es ist nicht möglich, dass das Leben auf Erden so sinnlos sein kann! - Es muss sich hinter dieser scheinbar unendlichen Kette von Geborenwerden und Sterben ein tiefer Sinn verbergen, und wenn er noch so unerklärlich zu sein scheint für den befangenen Verstand: es muss eine vollkommen befriedigende und sinnvolle Erklärung geben von der andern Seite!
"
(Elisabeth Haich)

Sammlung

...

Nie war die Zeit, da ich nicht war
Und Du und dieser Fürsten Schar,
noch werden jemals wir nicht sein.
Ewig sind wir - der Gottheit gleich.

Wie Kindheit, Jugend, Alter nicht
Dir schmälerten Dein inn' res Sein,
Berührt der Seele Wanderung
Von Leib zu Leib Dein Wesen nicht.

...

Des Stoffes Trug nur täuscht Dir vor;
Raum, Zeit, Glut, Frost, Freud' und Leid.
Sie kommen, gehen, ohn' Bestand.
Wer das erkannt, erträgt sie gern.

...

Es gibt kein Werden aus dem Nichts,
Noch wird zu nichts je das, was ist.

...

Vergänglich sind die Formen nur;
In ihnen wirkt der ew' ge Geist.
Vergeht der Leib, des Geistes Haus,
Lass ihn! Kämpf Du nur unverzagt!

...

Anfang und Ende, Tod, Geburt
Sind nichts als Träume. Ewig ist
Der Geist in Dir; des Leibes Tod
Berührt das Sein des Geistes nicht.

...

Wie abgetragene Kleider man
Durch andre, neue stets ersetzt,
So tauscht der Geist die Leibes-Hüll',
Wenn sie vergeht, mit anderen, neu'n.

...

Denn untergehen muss, was entstand,
Und wiederkehren, was verschwand;

...
Der Wesen Anfang kennst Du nicht
Und nicht ihr End, oh Arjuna;
Von ihrem Sein ein winzig Stück
Nur siehst Du - darum trau're nicht.

...

Der Geist in eines jeden Leib
Ist unverwundbar ewiglich;

(Aus der Bhagavad Gita, "Zweiter Gesang")

Ich bin der Tod, der all's ergreift,
und bin zugleich der Neubeginn.

...

Ich bin der Gott, das ew'ge Selbst,
das jedem Wesen innewohnt.
Ich bin der Wesen Ursprung bin
Ihr Weg und ihrer Wandlung Ziel.

...

All Wesen kehr'n beim Welten-End'
Zurück in meine Wesenheit.

(Aus der Bhagavad Gita, "Zehnter Gesang")

Stufen des Weges

...
Die Seele durchwanderte alle Regionen der Geschöpfe, denn nach dem Fall des ersten Menschen mußte sich die Seele mit der Materie verbinden, und nun ist es wieder ihre Aufgabe, sich vollkommen vom Stoff zu befreien. Nur auf diese Weise kann die Seele zu Gott zurückkehren, von dem sie einst ausgegangen ist. Die Natur kommt ihr hierbei schon in der ersten Stufe zu Hilfe. Wenn aber die Seele ihr Selbstbewußtsein erlangt hat, was erst im Menschen geschehen kann, so beginnt ihre selbständige Arbeit. Die Natur ist ihr zwar hierbei behilflich, jedoch erst im höheren Niveau, nicht mehr auf der stofflichen, sondern auf der übersinnlichen Stufe. Die Seele muß aber, weil sie selbst das Gute vom Bösen zu
unterscheiden fähig ist und weil sie bis zu einem bestimmten Grad den freien Willen besitzt, zu ihrer Erlösung selbst beitragen und zwar entweder durch den Weg des Yoga oder der Mystik.

Die Inder kennen genau die Aufgliederung dieser Seelenentwicklung vom anscheinend leblosen (in Wirklichkeit jedoch lebenden) Stoff bis zum Menschen. Wenn sich die Seele mit der Materie verbunden hat, dann muß sie nach der indischen Lehre alle Stufen der Geschöpfe, von der Pflanze anfangend, durchwandern.

Diese Stufe heißt „Die Geburt der Geschöpfe aus dem Keim" (Samen). Das ist das Pflanzenreich.
Die zweite Region heißt „Die Geburt der Geschöpfe aus dem Schweiß". Das sind alle Arten der Insekten und Kleinlebewesen, wie Würmer und dergleichen.
Die dritte Region heißt „Die Geburt der Geschöpfe aus dem Ei".
Hierher gehört das Reich der Fische, Amphibien und Vögel.
Die vierte Region wird „Die Geburt aus dem Schoß" genannt. Das sind die höheren Lebewesen, wie Säugetiere und Menschen.

Alle diese Geschöpfe, einschließlich des Menschen, unterliegen dem Samsara- Gesetz, das heißt dem Rad der Wiederverkörperung. Wenn die Seele eine bestimmte Stufe erreicht hat, unterliegt sie auch dem Gesetz des Karma, sie bildet sich ihr eigenes Schicksal und die Umstände ihrer zukünftigen Verkörperungen.
Dies umsomehr, als sie sich ihrer Verantwortung bewußt ist.

Die Inder wußten aber auch, wie lange die Seele jedes der Reiche durchwandern muß.

So durchwandert die Seele das Pflanzenreich 2 Millionen Jahre.
Das Reich der Insekten 1 Million und 100.000 Jahre.
Das Reich der Vögel 1 Million und 900.000 Jahre.
Durch das Reich der Säugetiere, solange die Seele nicht die menschliche Stufe erreicht hat, wandert sie 3 Millionen und 400.000 Jahre. Im Menschen entwickelt sich dann die Seele im Leben der Naturvölker 200.000 Jahre, bevor sie zu den Kulturvölkern kommt.
In den niederen Regionen besitzt die Seele nur ein kollektives oder allgemeines Bewußtsein.
Sie bildet zwar auch ein Karma, aber dieses wird von der Natur gelenkt, und die Devas (Götter) helfen allen diesen Seelen zur neuen Verkörperung.
Die Devas herrschen in jedem dieser Reiche.
Die Rosenkreuzer behaupten, daß die Aufgabe des Reifens von den Naturgeistern erfüllt wird, die jenen Göttern untergeordnet sind.
Würde sich der Mensch, wenn er den freien Willen erhält, der Lehre unterordnen und kein Leben gegen die Naturgesetze und gegen die Gesetze Gottes führen, so würde ihn dies direkt zur Erlösung führen. Aber wie es nun einmal ist, steht hier die freie Wahl, und diese führt meist zum Leben und zum Tode, das heißt, zur ständigen Wiederverkörperung.

(Auszug aus Karl Weinfurter, "Der Königsweg")

Weltwanderer

Shakespeare ist eine alte Seele ... Man kann sich seine erstaunliche Mannigfaltigkeit so erklären, dass er ein Wesen sei, das schon die verschiedensten Menschenleben hinter sich habe, so dass er sich nur zu besinnen brauche, um aus eigenster Erfahrung zu wissen, wie ein Krieger, ein Kaufmann, ein Clown, eine Desdemona und ein Falstaff, ein Prospero und ein Caliban dachten und handelten.
(Aus "Die Weltwanderer" von Karl Gjellerup, entnommen aus KOS "Alles Lebendige kehrt wieder")

Vorleben

Das Leben ist so süß und doch so beschränkt. Wir hoffen auf ein zweites. - Haben wir vielleicht schon ein früheres gelebt?
Es ist doch möglich, hier und anderswo. Wir hätten aus einer süßen Schale der Lethe (des Vergessens) getrunken, und es wartete auf uns eine süßere Mneme (der Erinnerung). Wie vieles vergessen wir aus diesem Leben! Haben wir denn so gar keine Erinnerungen?
Wir bemerken doch:
1) gewisse Anlagen. Wie, wenn wir diese Fähigkeiten schon einmal besessen hätten?
2) Gedächtnis für manches. Wie wenn es Erinnerung wäre?
3) Vorherrschende Neigungen von Kindheit an. Haben wir sie vielleicht mitgebracht?
4) Unerklärbare Sympathie, Vorliebe für die Geschichte einzelner Zeitalter, Männer, Gegenden. Sind wir vielleicht einmal da gewesen und mit jenen in Verbindung gestanden?

Der Gedanke ist so anziehend: ich lebte schon zur Zeit der Mammuthe, der Patriarchen, war arkadischer Hirte, griechischer Abenteurer, Genosse der Hermannsschlacht, half Jerusalem erobern ... Wenn ich dereinst den goldenen Becher der Mneme getrunken habe; wenn ich sie vollendet habe, so viele Wanderungen; wenn ich mein Ich gerettet habe aus so vielen Gestalten und Verhängnissen, mit ihren Freuden und Leiden vertraut, gereinigt in Beiden - welche Erinnerungen, welche Genüsse, welcher Gewinn!
(von Friedrich Hebbel, entnommen aus KOS "Alles Lebendige kehrt wieder")

Meditation

Es war im zweiten Sommermond, am Tage, der da heißt Suvatra..., allda war ich in tiefste Meditation versunken, entrückt, und gelangte zur höchsten Erkenntnis, zu jähem Erfassen aller Dinge - unbegrenzt, ungehemmt, endlos erhaben und in alles umfassender Fülle.
Da begriff ich alle Dinge, erkannte alle Bedingungen der Welt, der Götter, Menschen und Dämonen, sah, woher sie kamen, erfuhr, wohin sie gehn, erblickte, ob sie einst als Mensch oder als Tier geboren wurden und ob sie Götter oder Höllenwesen werden würden.
Erkannte und erschaute die Gedanken ihres Geistes, die Bilder ihrer Seele, die Wünsche und Tätigkeiten aller, offenbare und verborgene - sah in Vergangenheit und Zukunft alle Daseinsmeere aller Dinge aufgeschlagen wie ein Buch ...
Die Seele ist ihrem Wesen nach Erkenntnis. Verfinstert ward nur ihres Wesens Licht - verhüllt nur durch das Karman, welches immerdar die Folge des Seelentriebes zur Betätigung im Körper ist.
Im Körperhaften verstrickt, strebt Trieb und Wille nur immer nach neuer Betätigung und verwirkt sich ins Irdische je länger, je mehr.
Daher wird dem aus einem ausgelebten Leibe Scheidenden, doch noch am Leben Hängenden, stets wieder ein neuer Leibe zuteil.
Das heißt: statt eines alten morschen Kerkers erhält das Menschenkind ein neu' Gefängnis, je nach Verdienst und Mißverdienst - wenn es nicht seine Kerkermauern ganz bis auf den Grund zerstört.
...
Eigene Schuld stieß die unabhängige Seele in Leibesqual - daher kann sie auch nur eigene bessernde Tat erlösen. Selbst muß sie sich befreien durch Zerstörung ihres Karmans.

(Vardhamana Jain Mahavira, aus KOS6)

Leben, leben, leben ...

Es ist nicht meine Sache, der Welt zu entsagen und mich in ein Kloster zurückzuziehen, sondern vielmehr, in der Welt zu leben und die Dinge der Welt zu lieben - nicht um ihrer selbst willen, sondern um des Unendlichen willen, das in ihnen west.
Wenn ich in den Augenblicken der Ekstase tatsächlich mit dem Absoluten eins bin, dann würde mich, falls es wahr ist, was die Inder sagen, nichts mehr berühren können; sobald sich das Karma meines gegenwärtigen Lebens ausgewirkt hat, würde ich nicht mehr zurückkehren.
Dieser Gedanke erfüllte mich mit Trauer. Ich verlangte wieder und wieder zu leben. Ich war willens jede Art des Lebens anzunehmen, ohne Rücksicht auf Schmerz und Leiden; ich fühlte, dass nur ein Leben nach dem andern mein Verlangen, meine Kraft und meinen Daseinsdurst befriedigen könnte.

(William Somerset Maugham, aus KOS6)

Gleichnis

Ein Junge ging zur Schule. Er war noch sehr klein. Sein Lehrer - es war Gott - setzte ihn in die unterste Klasse und gab ihm die Aufgabe:
Du sollst nicht töten! Du sollst keinem Wesen Leid zufügen!
Und er lernte es, nicht zu töten. Aber er war grausam und nahm, was ihm nicht gehörte.
Am Ende des Schultages, als sein Haar ergraut war und die Nacht des Todes kam, sagte sein Lehrer:
Du hast gelernt, nicht zu töten. Aber die andere Lektion hast du nicht gelernt.
Komm morgen wieder!

Am nächsten Morgen kam er wieder - als kleiner Junge. Und sein Lehrer tat ihn in die nächsthöhere Klasse und gab ihm die Aufgaben:
Du sollst keinem Wesen wehetun! Du sollst nicht stehlen!
Und er lernte es, keinem Wesen absichtlich Schmerz zuzufügen. Aber er stahl und betrog. -
Und am Ende des Tages, als die Nacht des Todes kam, sagte sein Lehrer: Du hast gelernt, barmherzig zu sein; aber die anderen Lektionen hast du noch nicht gelernt.
Komm morgen wieder!

Am nächsten Morgen kam er wieder - als kleiner Junge. Und sein Lehrer tat ihn in eine abermals höhere Klasse und gab ihm eine neue Aufgabe:
Du sollst nicht betrügen! Du sollst nicht habsüchtig sein!
Und er lernte es nicht zu stehlen. Aber er war habsüchtig und nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. -
Und am Ende des Tages, als die Nacht des Todes kam, sagte sein Lehrer:
Du hast gelernt, nicht mehr zu stehlen; aber die andere Lektion hast du noch nicht gelernt.
Komm morgen wieder, mein Kind!

Das ist es, was ich in den Gesichtern der Männer und Frauen gelesen habe, im Buche des Lebens, in der Himmelschronik, die mit Sternen geschrieben ist.

(aus KOS7)

Fragen

"Denkende Christen fordern nicht nur, dass das Leben gerecht sei, sondern auch, dass es sich als sinnerfüllt erweise.
Kann die Lehre von der Wiederkehr dazu verhelfen? Ich glaube, dass sie es tut. Nehmen wir an, dass ein völlig materialistisch eingestellter Mensch stirbt, der sein ganzes Leben, vom religiösen Standpunkt aus gesehen, missbraucht und verpfuscht hat.
Genügt nun sein bloßer Übertritt in die geistige Welt, um ihn zu wandeln?
Wäre das nicht so, als versetze man einen Menschen, der nie die Möglichkeit hatte, Musik zu verstehen, in ein Dauerkonzert?
Kann ein Mensch, der zeitlebens geistige Dinge ignorierte und verneinte, sich in einer geistigen Umwelt wohlfühlen?
Wenn eingewendet würde, er könne dort lernen, was er hier versäumte, frage ich: Kann er das wirklich?
Und - würde ein solcher Schluss nicht das Erdenleben bedeutungslos machen!
Ich glaube nicht, dass einer die Erfahrungen und Prüfungen des Erdenlebens überspringen kann.
Und wenn er versäumte, durch diese Erfahrungen und Prüfungen hindurchzugehen, die nur während der irdischen Verkörperung erlangt werden können - warum sollte er nicht wiederkehren, um sich ihnen erneut zu unterziehen?
Sind wir wirklich zum ersten Male hier?
Wenn jede Geburt die einer neuen Seele wäre, wie soll sich da ein Fortschritt vollziehen?
Jede Seele müsste dann ganz von vorn anfangen. Wie könnte da je Vollendung erreicht werden?
Wie soll die Menschheit geistig und ethisch voranschreiten, wenn die Geburt jeder neuen Generation die Welt mit unerneuerten Seelen anfüllen würde?
Ein Aufstieg zu höheren Vollkommenheiten, wie Christus sie fordert, ist nur möglich, wenn alle, die sich hier verkörpern, den Vorteil hatten, sich schon in früheren Leben für das jetzige zu schulen, und die Möglichkeit, sich in ihrem gegenwärtigen Leben für die künftigen vorzubereiten.2

(KOS)

Materialismus

Zwiefach ist aller Wesen Art;
Teils von niederer Natur.
Die göttliche beschrieb ich Dir,
Hör nun vom Los der niederen:

Die unerwachten wissen nicht,
Was Rechttun und was Nicht-Tun ist;
Wahrheit, Klugheit und Lauterkeit
Ist diesen Sklavenseelen fremd.

Die Welt ist ohne Sinn, ohn' Herrn
Und ohn' Bestand - so wähnen sie -
willkür-entsprungen, ordnungslos,
Zum Gier'n nur und Genießen da ...

...

Von solchem Denken ganz erfüllt,
Irrtumverhaftet, dem Genuss
Versklavt, sinkt er im Tod hinab
Zu nied'rer, leidvoller Geburt

...

Dreifach ist's Tor zur Unterwelt,
Durch das die Seele abwärts stürzt:
Habsucht und Zorn und Sinnengier.
Drum meide diese Dreiheit man!

(XVI. Gesang, KOS3)

Wiederkehr

Vergesst nicht, dass ich zu euch zurückkehren werde.
Eine kleine Weile noch und meine Sehnsucht wird Staub und Schaum für einen anderen Körper sammeln.
Eine kleine Weile noch, ein Augenblick des Ruhens auf dem Wind, und eine andere Frau wird mich gebären.
(KG1)

Gleichnis

Das Gleichnis, sein "Vergleich zwingt mannigfach Verwickeltes in einfache Formen zusammen".
Dadurch wird "das Vielfache, Unbeschreibliche ... für den inneren Blick zur Einheit gebändigt".
Es ist die Grenzfläche, wo "die eine Welt, ohne sie dort zu berühren, in die andere hinüberzündet".
Es ist "ein Mittel, Dinge so nahe zu bringen, dass wir ihre Nähe fühlen, dass uns ist, als bedürfe es nur einer kleinen Bewegung und wir könnten sie sehen."
(aus: W.E. Süskind, "Vom ABC zum Sprachkunstwerk" bzw. Christiansen - "Eine Prosaschule " )

In diesem Sinne ist folgendes wunderschönes Gleichnis von M.Taniguchi zu verstehen, das die dem Sinnlichen nicht wahrnehmbaren Zusammenhänge des Wirklichen, hier speziell des tieferen Sinns der Wiederverkörperung zeigt. Gekleidet in Bilder der sinnlichen Welt und dabei eine Brücke schlagend zwischen Abblid und Urbild des Geschehens.
Der Funke, der dabei überspringt ist die Erkenntnis des Sinns.

Seidenspinner

Erkennt diese Wahrheit im Gleichnis:
Nicht der Kokon, das Gespinst der Puppe, ist das Erste, aus dem die Seidenraupe hervorgeht, sondern die Raupe ist es, die den Faden des Kokons spinnt, in den der Seidenspinner sich hüllt, bis er als Schmetterling entschlüpft ...
Gleichermaßen der Geist des Menschen:
Er ist es, der den Gedankenfaden spinnt, bis mithilfe der Eltern der Kokon des menschlichen Körpers geschaffen ist, in der er, der Geist sich einhüllt und bettet, bis er, zu sich selbst erwacht, seines Eigenseins und Leidüberlegenseins bewusst wird ...
Wie der Kokon nicht der Seidenspinner ist, so ist der Körper nicht der wirkliche Mensch, sondern nur seine vergängliche Hülle und vorübergehende Wohn- und Wirkstatt.
Und wie der Seidenspinner zu seiner Zeit den Kokon zerbricht und als Schmetterling ausschlüpft und davonfliegt, so zerbricht und verlässt der Geist zu seiner Zeit den Leibes-Kokon und schwingt sich empor in die geistige Welt, seine wirkliche Heimat.
...
Halte darum nicht des Leibes Vergehen für den Tod des wirklichen Menschen;
denn der wirkliche Mensch ist Träger ewigen Lebens und von keinem Tode erreichbar.
Wohl durchschreitet er nach dem Grade seiner Entwicklung und Reifung und gemäß den Schicksalsgesetzen des Karma die verschiedenen Körper und Lebensstufen;
aber er selbst - als Geist - wird davon nicht berührt, er kennt weder Leid noch Kranksein, weder Altern noch Tod ...
(MT2, "Das erste Sutra")

Das gleiche Bild verwendet Swami Vivekananda in seinem "praktischen Vedanta" um das Karma, seine Ursachen und den Weg zu dessen Überwindung aufzuzeigen ...

Seidenwürmer

... wir sind wie Seidenwürmer. Wir bilden den Faden aus unserer eigenen Substanz und spinnen den Kokon, und mit der Zeit sind wir darin eingekehrt.
Aber dies dauert nicht ewig. In diesem Kokon werden wir die spirituelle Verwirklichung entwickeln, und dem Schmetterling gleich werden wir frei werden. Dieses Netzwerk des Karma haben wir um uns selbst herumgewoben; und in dieser Unwissenheit fühlen wir uns wie gebunden und klagen und jammern um Hilfe.
Aber die kommt nicht von außen; sie kommt aus uns selber.
Rufe alle Götter im Universum an!
Ich rief sie jahrelang an, und zuletzt fand ich Hilfe. Aber die Hilfe kam von innen.
Und ich musste unterlassen, was ich aus Irrtum getan hatte.
Das ist der einzige Weg. Ich musste das Netz durchschneiden, das ich selber um mich gewoben hatte, und die Kraft dies zu tun, liegt im Innern.
Dessen bin ich gewis, dass kein wohlgeleitetes noch missgeleitetes Bestreben meines Lebens vergeblich gewesen ist, sondern dass ich die Resultate meiner gesamten Vergangenheit bin, der guten, wie der bösen.
Ich habe mancherlei Irrtümer in meinem Leben begangen, aber ... ich bin dessen sicher, dass ich ohne jeden einzelnen dieser Fehler nicht das wäre, was ich heute bin, und so bin ich völlig zufrieden, sie begangen zu haben.
Ich meine nicht, dass sie nach Hause gehen und vorsätzlich Fehler begehen sollen; missverstehen sie mich nicht auf diese Weise.
Aber seien sie nicht betrübt um der Fehler willen, die sie begangen haben, sondern halten sie sich versichert, das letzten Endes sich alles zum Rechten wendet. Es kann nicht anders sein, weil Güte unsere Natur ist, Reinheit unsere Natur ist, und diese Natur kann niemals vernichtet werden.

Lebenshaus

"Nahmst Du in diesem großen Haus
Nicht selbst Quartier?
Mißfällt es dir, so zieh doch aus.
Wer hält dich hier?

Und schimpfe auf die Welt mein Sohn,
Nicht gar zu laut.
Eh du geboren, hast du schon
Mit dran gebaut."

Gerechtigkeit

Wer hier in diesem Leben, untätig war und seinen Geist nur brauchte, um seinen Körper zu bewegen, zu nähren und zu vergnügen, von dem wird auch nur ein unbedeutendes Wesen übrig bleiben.
Und so wird der Reichste der Ärmste werden, wenn er sein Vermögen nur verwendet, um seine Kraft zu sparen und der Ärmste wird der Reichste, wenn er seine Kraft verwendet, um das Leben redlich zu meistern.
Das ist die große Gerechtigkeit, dass jeder sich die Bedingungen seines zukünftigen Seins selbst schafft. Seine Handlungen werden nicht durch äußerliche Belohnungen oder Strafen vergolten; es gibt keinen Himmel und keine Hölle im gewöhnlichen Sinne dieser Worte, wohin die Seele nach dem Tode käme.
Die Seele macht weder einen Sprung aufwärts, noch einen Fall abwärts, noch zerfließt sie in das Allgemeine, sondern nachdem sie die große Wandlung, die wir den Tod nennen, überstanden hat, entwickelt sie sich nach der unwandelbaren Folgerichtigkeit der Natur auf der Erde von neuem fort in einem und zu einem höheren Sein; und je nachdem der Mensch gut oder schlecht, edel oder gemein gehandelt, tätig oder müßig gewesen, wird er im folgenden Leben einen gesunden oder kranken, einen schönen oder hässlichen, einen starken oder schwachen Charakter und Organismus sein eigen nennen, und seine Tätigkeit in dieser Welt wird seine Stellung zu den anderen Geistern, seinen Schicksalsweg, seine Anlagen und Talente für sein weiteres Fortschreiten in jener Welt bestimmen.

Neues Erleben

"Wieder seh ich Schleier sinken,
Und Vertrautestes wird fremd,
Neue Sternenräume winken,
Seele schreitet traumgehemmt.

Abermals in neuen Kreisen
Ordnet sich um mich die Welt,
Und ich seh mich eiteln Weisen
Als ein Kind hineingestellt.

Doch aus früheren Geburten
Zuckt entfernte Ahnung her:
Sterne sanken, Sterne wurden,
Und der Raum war niemals leer.

Seele beugt sich und erhebt sich,
Atmet in Unendlichkeit,
Aus zerrißnen Fäden webt sich
Neu und schöner Gottes Kleid."
(Hermann Hesse)

Freundschaft

Am Ufer des Zuger Sees saß ein armer Korbflechter und flocht seine Körbe. Er konnte sonst nichts weiter als diese Körbe flechten und sein kleines Haus betreuen, in dem er einsam mit seinem Hund lebte – es war ein grauer Spitz, unscheinbar wie sein Herr, aber voller Aufmerksamkeit für dessen Arbeit und immer freundlich und geneigt zur Unterhaltung. Denn der Korbflechter unterhielt sich mit seinem Hunde und sprach mit ihm, wie man mit einem Menschen spricht. Die Leute fanden das sonderbar und sagten, daß der Mann ein wenig einfältig wäre. Vielleicht war er das, vielleicht aber war er sehr klug, denn mit den Menschen sprach er fast gar nicht. Es hätte auch keinen Zweck gehabt; denn die anderen Leute waren alle so überaus vernünftig, und darum glaubten sie es nicht, was der Korbflechter erzählte. Denn er sah vieles, was die anderen nicht sehen konnten. Einige meinten, er wäre hellsichtig, aber sie lachten darüber. Es war besser mit dem Spitz zu reden, der verstand immer, was der Korbflechter sagte, und er war auch immer der gleichen Meinung. Sie waren sehr gute Freunde, und einer hielt viel vom anderen. Auch darüber lachten die Leute. Die Körbe aber kauften sie, denn es war gute und sehr sorgsame Arbeit und oft überaus kunstvoll geflochten. Nur war es seltsam, daß der Korbflechter nur immer die gleichen Muster flechten konnte, und daß diese Muster stets an die Zeichnungen der Pfahlbauzeit erinnerten, das war noch seltsamer. Man kannte ja diese Zeichnungen aus dem Museum in Zürich. Der Korbflechter freilich hatte sie niemals gesehen; denn er war nicht in Zürich gewesen und hatte seine kleine Heimatstadt nie verlassen. Wenn aber jemand ein anderes Muster von ihm haben wollte, dann schüttelte er den Kopf und flocht doch wieder die alten. Und so gewöhnte man sich daran.

Es war am Nordufer des Sees, wo man die starren Häupter von Rigi und Pilatus sieht und in der blauen Ferne die Schneekronen der Berner Berge. In der Nähe des Korbflechters arbeiteten einige Archäologen an einer Ausgrabung, wie sie der See schon mehrfach aus seinem geheimnisvollen Schoß herausgegeben hatte. Sonst war es still und menschenleer, auch die Vögel schwiegen in den Bäumen, unbeweglich lag der klare Wasserspiegel, und vom Zuger Zeitturm schlug die Mittagsstunde. Zwölf Uhr mittags ist eine geheimnisvolle Stunde. Es ist, als wäre etwas Altes abgelaufen, als stehe die Zeit still und warte auf etwas Neues, auf irgendein Wunder, das auf schimmernden Schwingen durch den stillen Sonnenfrieden gleiten müsse. Es war ein Warten in allem, was lebt, ein Warten auf etwas, das man nicht kennt, das aber sehr schön und sehr wunderbar sein muß und anders, ganz anders als das ganze andere Leben. Es ist eine sehr geheimnisvolle Stunde, man muß nur in ihr lesen können. Das können nur sehr wenige Menschen, und wer es kann, über den lachen die Leute. Es ist schade drum, denn die Welt wäre besser und glücklicher, wenn die Menschen in der Mittagsstunde lesen könnten.

Der Korbflechter ließ seine Arbeit sinken und sah weit hinaus auf den klaren Wasserspiegel, der in der Sonne blitzte. Wob die Sonne nicht Bilder im Wasserdunst, trug der leise, kaum merkbare Wind nicht Worte herüber aus einer alten Zeit? War es überhaupt heute, war es nicht gestern, war es nicht viele tausend Jahre her, daß dieses Gestern war? Der Korbflechter sah weithinaus, mit fernen, erdfremden Augen, und seine Hand flocht das gewohnte Muster, das alte, immer geübte, mit sehr einfachen Zeichen. Eine seltsame Sehnsucht sang in seiner Seele.

»Siehst du, Spitz, wie der Kahn geschwommen kommt über den stillen See? Siehst du, wer darin sitzt? Das bist du und ich. Es ist ein Einbaum, aus einem Stamm gehöhlt mit Feuerbränden und mit einem Stein. Es ist ein schöner Nachen, und es sitzt noch jemand drin, erkennst du sie, die Frau mit den langen, nachtdunklen Haaren? Wir drei gehörten zusammen, aber sie ist nun woanders. Ich habe sie nie gesehn in diesem Leben, aber meine Seele sucht sie. Nur wir beide sind zusammengeblieben, nicht wahr, Spitz? Kannst du sehen, wie sie den Kahn langsam vorwärts treibt? Du bist in der Mitte, und ich sitze unten und flechte einen Korb zum Fischfang. Das konnte ich damals schon – es sind auch dieselben Muster darin wie heute. Du hattest rauhere Haare, Spitz, und warst ein wenig größer.«

Der Spitz wedelte und sah sehr klug zu seinem Herrn auf. Natürlich war er der gleichen Meinung.

»Der Kahn treibt vorwärts, er kommt in eine Strömung, wir sind nun gleich zu Hause. Siehst du, dort ist unser Haus, auf den großen Pfählen, wo jetzt die klugen Gelehrten stehen und suchen. Aber sie sehen das Haus nicht, und dabei ist es doch Mittag, und man kann drin lesen, wenn's Mittag ist. Es ist ein schönes Haus und soviel Frieden darin und ringsum die Wälder und Berge. Die Sonne scheint auf die nackten Glieder, es ist so herrlich zu leben, viel schöner, als es heute ist. Wie das Wasser leise an den Kahn schlägt, als sänge es etwas – jetzt winken und rufen sie vom Hause ...«

Der Spitz stand auf und schmiegte sich unruhig an.

»Aber was rufen sie? Es ist vorbei mit dem Frieden, Spitz. Sie zeigen auf den Wald, es blitzt von Waffen auf, und die, welche kommen, sind anders als wir. Sie haben glänzende Äxte und Schwerter, und wir haben nichts als Waffen von Stein. Es ist eine neue Zeit, und die Mittagsstunde ist vorüber. Sieh nicht mehr hin, Spitz, sie erschlagen uns alle, es ist gräßlich. Ach, die arme schöne Frau mit den nachtdunklen Haaren! Nun sind wir die letzten, Spitz, du und ich, aus unserem zerstörten Hause. Aber wir lassen nicht voneinander, wir stehen zusammen und wir sterben zusammen, wir sind ja Freunde.«

Der Hund knurrte und stellte sich mit gesträubten Haaren vor seinen Herrn.

»Der Stoß galt dir, Spitz, aber ich habe ihn aufgefangen. Der Schlag galt mir, aber du hast dich vor mich geworfen. Nun sterben wir beide, Spitz. Ach, es ist lange her, und wir waren damals glücklicher als heute. Aber wir sind auch heute noch zusammen, und wir sind wieder hier, wo wir damals waren, ist das nicht sonderbar, Spitz? Aber es ist gut so, daß wir zusammen sind, wir bleiben auch hier wieder, was wir einmal waren. Nun ist es aus, und die Mittagsstunde ist vorüber, wie sie damals vorüber war, als unser Haus ganz zerstört wurde.«

Der Korbflechter legte den Arm um den Hund und streichelte ihn. Der See lag reglos in der Mittagsglut, Rigi und Pilatus reckten die starren Häupter in die blaue, klare Luft, und von ferne leuchteten die weißen Kronen der Berner Berge – wie vor vielen tausend Jahren.

Die Archäologen am Ufer waren sich klargeworden.

»Es ist eine interessante Berührungsfläche der neolithischen Periode mit der ersten Bronzezeit, offenbar durch einen Überfall verursacht«, sagte der eine, »besonders wertvoll hier sind auch die Knochen des Torfhundes, canis familiaris palustris, der hier bereits als Gefährte des Menschen festgestellt werden kann. In dieser Vereinzelung weist er, scheint es, auf seine Zugehörigkeit zur zerstörten Niederlassung des primitiveren Volksstammes hin. Ein großes Stück Kulturgeschichte auf einem kleinen Raum ...«

»Hörst du, Spitz, was sie erzählen?« sagte der Korbflechter zu seinem Hunde, »es ist ein großes Stück Kulturgeschichte, meinen sie, und sie werden es wissen, denn es sind ja gelehrte Herren. So wird es wohl ein Stück Kulturgeschichte sein – aber nicht wahr, Spitz, wir wissen es besser, es ist noch mehr als das, es ist die Geschichte einer Freundschaft!«

Seelenwohnung

Nimmer vergeht die Seele, vielmehr die frühere Wohnung tauscht sie mit neuem Sitz und lebt und wirkt in diesem.