Startseite

Seelenwanderung

"Gar viel ist meine Seele gewandert." (Buch Josua)

Einleitung

Eine Sammlung von Gedanken zur Reinkarnation oder Seelenwanderung.

Karma und Reinkarnation sind eng miteinander verwoben.

Bezüglich des Begriffes „Karma“ ist gemeinhin ein falsches Verständnis verbreitet.
Man redet von „gutem“ oder „schlechten“ Karma und meint gutes oder schlechtes Schicksal, geschaffen durch gute oder schlechte Taten.
Dieser Denkweise folgend, führen gute Taten zu gutem Schicksal oder Pluspunkten auf dem Schicksalskonto. Schlechte Taten führen zu einer schlechten Lebensbilanz und werden bestraft.
Das ganze gleicht dann mehr einer kaufmännischen Rechnung, die auf eigene Gewinn ausgerichtet, im Grunde also egoistischer Natur ist.

Untrennbar verknüpft mit dem Begriff des „Karma“ ist die „Reinkarnation“.
Die Überschüsse (Gewinne) guter Taten in diesem Leben, werden somit das Startkapital im nächsten Leben.
Natürlich will jeder eine möglichst gute Startposition haben, besser als andere.
Diese Sicht - genau genommen die damit verbundenen Wertungen - geht am wesentlichen vorbei.

In Wirklichkeit meint „Karma“ lediglich das Gesetz von Ursache und Wirkung, was vereinfacht ausdrücken kann:
„Was man sät, das erntet man.“
Jede Reinkarnation ist somit ein Ernten, dessen, was man zuvor gesät hat.
Karma bindet an das Rad der Wiedergeburt.

"Ich ernte, was ich gesät habe" heißt aber, dass ich durch mein Denken und Tun mein Leben und dessen Umstände - das Schicksal - gestalte.
Willensschwache Menschen, die ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen, erleiden das Schicksal, sind vermeintliche Opfer der Umstände, von denen sie hin und her gestoßen werden.
Willensstarke Menschen hingegen, die ein festes Ziel, eine starke innere Bestimmtheit haben, lenken und formen, gestalten ihr Schicksal, ihre Lebensumstände und erreichen in der Regel Großes.
Karma als solches ist weder „gut“ noch „böse“, es ist wertneutral.
Ganz so wie das dritte newtonsche Axiom:“ actio = reactio.“

Die Wertung kommt erst mit und durch den Betrachter - den Erleidenden oder den Gestalter.
Ob etwas gut (förderlich) oder schlecht (nachteilig) ist , zeigt sich oft erst nach einer gewissen Zeit.
So können sich Ereignisse, die kurzsichtig betrachtet als Nachteile erscheinen sich auf lange Sicht (nach Abschluss einer Ereigniskette) als sehr fruchtbringend erweisen und umgekehrt.
Wertungen von Ereignissen sind immer Folge einer räumlich und zeitlich eingeschränkten Sichtweíse.
Denn Sinn erfasst man meist erst im Nachhinein.

Die Lehre der Reinkarnation ist zur eigentlichen Sinngebung des Lebens fundamental, denn:

"... mit dieser Lehre erklären wir ... die scheinbaren Unterschiede im Leben der Menschen. Vor allem, warum einige reich und andere wiederum arm sind, die einen gesund und die anderen krank. Keine Philosophie der Welt erklärt diese Ungleichheiten, nur die indische Lehre von der Reinkarnation und dem Karma.
Darum sind diese beiden Lehren für jeden Menschen so wichtig.
"
(aus Karl Weinfurter, Der Königsweg)

Ich bin für alles in meinem Leben selbst verantwortlich - für Krankheit, Reichtum, Gesundheit oder Armut!
Sucht man Ursachen im Materiellen, so verliert man sich in unüberschaubarer Vielheit und Beliebigkeit.
Zielt man auf den Geist als wirkende Ursache, gelangt man zu dem Einen, dem Ursächlichen, der Einheit aller Dinge, ihrem Wesen.
Man muss ich in diesem Zusammenhang den Unterschied klarmachen zwischen "Wiederverkörperung" und "Wiedergeburt", die zwei qualitativ verschiedene Dinge bezeichnen:
"... Wiedergeburt ist ein innerer Wandlungsprozess; die Wiederverkörperung ist der äußere Wanderungsprozess. Das muss auseinandergehalten werden. - Wenn wir die innere Wiedergeburt, die Geburt Gottes in uns, auf Erden erlangt haben, haben wir alle Notwendigkeit, auf die Erde zurückzukehren aufgehoben. Wenn die innere Wandlung erlangt ist, ist unsere Erdenwanderung zu Ende. Wir treten durch die Wiedergeburt aus dem Kreis der Wiederverkörperungen in den Kreis der Wandlungen, - nicht mehr auf Erden, sondern in höheren Reichen des Kosmos."
(KOS)

Schließlich wird man dann sagen können:

"... Jetzt weiß ich, warum und wozu ich an mir arbeite, wofür ich neue Erkenntnisse sammle, warum ich andere Geschöpfe, Menschen und Tiere, liebe und ihnen helfe!
Jetzt sind mir die Unzulänglichkeiten und scheinbaren Ungerechtigkeiten dieses Lebens ein Ansporn, für die Zukunft bessere Bedingungen zu schaffen;
weiß ich doch jetzt, dass meine Kräfte und meine Möglichkeiten unbegrenzt sind, dass es keinen Tod gibt, sondern nur ewige Verwandlung und Höher-Wandlung, bis zur letzten Verwandlung in Gott.
" (KOS)

"Ich bin ein Suchender. Ich suche eine Erklärung für das Leben auf Erden. Ich möchte wissen, was es für einen Sinn hat, dass der Mensch geboren wird, unter vielen Schwierigkeiten auf einem Kinde ein Erwachsener wird, heiratet, weitere Kinder zur Welt bringt, die mit ebenso viel Schwierigkeiten erwachsen werden, auch heiraten, noch mehr Kinder auf die Welt stellen, die dann mit dem Alter die mühsam erworbenen Fähigkeiten wieder verlieren und sterben.
Eine unendliche Kette, ohne Anfang, ohne Ende!
Immerfort werden Kinder geboren, sie lernen, sie büffeln, sie wollen Körper und Verstand voll entwickeln - und nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit ist alles wieder aus, und sie werden unter der Erde zum Fraß der Würmer. Was hat das alles für einen Sinn? Alles nur, um immer weitere Generationen hervorzubringen?
Und wenn bestimmte Menschen nicht für die Nachkommen sorgen, sondern ein geistiges Werk hinterlassen, warum geht es ihnen dann ebenso wie den andern, dass sie altern und ihre hohen Gaben mit ihnen ins Grab sinken?
Ein Michelangelo, ein Leonardo da Vinci, ein Giordano Bruno, ein Goethe und viele andere - warum wurden sie geboren, wenn sie schließlich auch der Verwesung anheimfallen mussten wie der Wurm, der sich am Körper dieser Titanen mästete?
Nein! Es ist nicht möglich, dass das Leben auf Erden so sinnlos sein kann! - Es muss sich hinter dieser scheinbar unendlichen Kette von Geborenwerden und Sterben ein tiefer Sinn verbergen, und wenn er noch so unerklärlich zu sein scheint für den befangenen Verstand: es muss eine vollkommen befriedigende und sinnvolle Erklärung geben von der andern Seite!
"
(Elisabeth Haich)

Sammlung

...

Nie war die Zeit, da ich nicht war
Und Du und dieser Fürsten Schar,
noch werden jemals wir nicht sein.
Ewig sind wir - der Gottheit gleich.

Wie Kindheit, Jugend, Alter nicht
Dir schmälerten Dein inn' res Sein,
Berührt der Seele Wanderung
Von Leib zu Leib Dein Wesen nicht.

...

Des Stoffes Trug nur täuscht Dir vor;
Raum, Zeit, Glut, Frost, Freud' und Leid.
Sie kommen, gehen, ohn' Bestand.
Wer das erkannt, erträgt sie gern.

...

Es gibt kein Werden aus dem Nichts,
Noch wird zu nichts je das, was ist.

...

Vergänglich sind die Formen nur;
In ihnen wirkt der ew' ge Geist.
Vergeht der Leib, des Geistes Haus,
Lass ihn! Kämpf Du nur unverzagt!

...

Anfang und Ende, Tod, Geburt
Sind nichts als Träume. Ewig ist
Der Geist in Dir; des Leibes Tod
Berührt das Sein des Geistes nicht.

...

Wie abgetragene Kleider man
Durch andre, neue stets ersetzt,
So tauscht der Geist die Leibes-Hüll',
Wenn sie vergeht, mit anderen, neu'n.

...

Denn untergehen muss, was entstand,
Und wiederkehren, was verschwand;

...
Der Wesen Anfang kennst Du nicht
Und nicht ihr End, oh Arjuna;
Von ihrem Sein ein winzig Stück
Nur siehst Du - darum trau're nicht.

...

Der Geist in eines jeden Leib
Ist unverwundbar ewiglich;

(Aus der Bhagavad Gita, "Zweiter Gesang")

Ich bin der Tod, der all's ergreift,
und bin zugleich der Neubeginn.

...

Ich bin der Gott, das ew'ge Selbst,
das jedem Wesen innewohnt.
Ich bin der Wesen Ursprung bin
Ihr Weg und ihrer Wandlung Ziel.

...

All Wesen kehr'n beim Welten-End'
Zurück in meine Wesenheit.

(Aus der Bhagavad Gita, "Zehnter Gesang")

Stufen des Weges

...
Die Seele durchwanderte alle Regionen der Geschöpfe, denn nach dem Fall des ersten Menschen mußte sich die Seele mit der Materie verbinden, und nun ist es wieder ihre Aufgabe, sich vollkommen vom Stoff zu befreien. Nur auf diese Weise kann die Seele zu Gott zurückkehren, von dem sie einst ausgegangen ist. Die Natur kommt ihr hierbei schon in der ersten Stufe zu Hilfe. Wenn aber die Seele ihr Selbstbewußtsein erlangt hat, was erst im Menschen geschehen kann, so beginnt ihre selbständige Arbeit. Die Natur ist ihr zwar hierbei behilflich, jedoch erst im höheren Niveau, nicht mehr auf der stofflichen, sondern auf der übersinnlichen Stufe. Die Seele muß aber, weil sie selbst das Gute vom Bösen zu
unterscheiden fähig ist und weil sie bis zu einem bestimmten Grad den freien Willen besitzt, zu ihrer Erlösung selbst beitragen und zwar entweder durch den Weg des Yoga oder der Mystik.

Die Inder kennen genau die Aufgliederung dieser Seelenentwicklung vom anscheinend leblosen (in Wirklichkeit jedoch lebenden) Stoff bis zum Menschen. Wenn sich die Seele mit der Materie verbunden hat, dann muß sie nach der indischen Lehre alle Stufen der Geschöpfe, von der Pflanze anfangend, durchwandern.

Diese Stufe heißt „Die Geburt der Geschöpfe aus dem Keim" (Samen). Das ist das Pflanzenreich.
Die zweite Region heißt „Die Geburt der Geschöpfe aus dem Schweiß". Das sind alle Arten der Insekten und Kleinlebewesen, wie Würmer und dergleichen.
Die dritte Region heißt „Die Geburt der Geschöpfe aus dem Ei".
Hierher gehört das Reich der Fische, Amphibien und Vögel.
Die vierte Region wird „Die Geburt aus dem Schoß" genannt. Das sind die höheren Lebewesen, wie Säugetiere und Menschen.

Alle diese Geschöpfe, einschließlich des Menschen, unterliegen dem Samsara- Gesetz, das heißt dem Rad der Wiederverkörperung. Wenn die Seele eine bestimmte Stufe erreicht hat, unterliegt sie auch dem Gesetz des Karma, sie bildet sich ihr eigenes Schicksal und die Umstände ihrer zukünftigen Verkörperungen.
Dies umsomehr, als sie sich ihrer Verantwortung bewußt ist.

Die Inder wußten aber auch, wie lange die Seele jedes der Reiche durchwandern muß.

So durchwandert die Seele das Pflanzenreich 2 Millionen Jahre.
Das Reich der Insekten 1 Million und 100.000 Jahre.
Das Reich der Vögel 1 Million und 900.000 Jahre.
Durch das Reich der Säugetiere, solange die Seele nicht die menschliche Stufe erreicht hat, wandert sie 3 Millionen und 400.000 Jahre. Im Menschen entwickelt sich dann die Seele im Leben der Naturvölker 200.000 Jahre, bevor sie zu den Kulturvölkern kommt.
In den niederen Regionen besitzt die Seele nur ein kollektives oder allgemeines Bewußtsein.
Sie bildet zwar auch ein Karma, aber dieses wird von der Natur gelenkt, und die Devas (Götter) helfen allen diesen Seelen zur neuen Verkörperung.
Die Devas herrschen in jedem dieser Reiche.
Die Rosenkreuzer behaupten, daß die Aufgabe des Reifens von den Naturgeistern erfüllt wird, die jenen Göttern untergeordnet sind.
Würde sich der Mensch, wenn er den freien Willen erhält, der Lehre unterordnen und kein Leben gegen die Naturgesetze und gegen die Gesetze Gottes führen, so würde ihn dies direkt zur Erlösung führen. Aber wie es nun einmal ist, steht hier die freie Wahl, und diese führt meist zum Leben und zum Tode, das heißt, zur ständigen Wiederverkörperung.

(Auszug aus Karl Weinfurter, "Der Königsweg")

Weltwanderer

Shakespeare ist eine alte Seele ... Man kann sich seine erstaunliche Mannigfaltigkeit so erklären, dass er ein Wesen sei, das schon die verschiedensten Menschenleben hinter sich habe, so dass er sich nur zu besinnen brauche, um aus eigenster Erfahrung zu wissen, wie ein Krieger, ein Kaufmann, ein Clown, eine Desdemona und ein Falstaff, ein Prospero und ein Caliban dachten und handelten.
(Aus "Die Weltwanderer" von Karl Gjellerup, entnommen aus KOS "Alles Lebendige kehrt wieder")

Vorleben

Das Leben ist so süß und doch so beschränkt. Wir hoffen auf ein zweites. - Haben wir vielleicht schon ein früheres gelebt?
Es ist doch möglich, hier und anderswo. Wir hätten aus einer süßen Schale der Lethe (des Vergessens) getrunken, und es wartete auf uns eine süßere Mneme (der Erinnerung). Wie vieles vergessen wir aus diesem Leben! Haben wir denn so gar keine Erinnerungen?
Wir bemerken doch:
1) gewisse Anlagen. Wie, wenn wir diese Fähigkeiten schon einmal besessen hätten?
2) Gedächtnis für manches. Wie wenn es Erinnerung wäre?
3) Vorherrschende Neigungen von Kindheit an. Haben wir sie vielleicht mitgebracht?
4) Unerklärbare Sympathie, Vorliebe für die Geschichte einzelner Zeitalter, Männer, Gegenden. Sind wir vielleicht einmal da gewesen und mit jenen in Verbindung gestanden?

Der Gedanke ist so anziehend: ich lebte schon zur Zeit der Mammuthe, der Patriarchen, war arkadischer Hirte, griechischer Abenteurer, Genosse der Hermannsschlacht, half Jerusalem erobern ... Wenn ich dereinst den goldenen Becher der Mneme getrunken habe; wenn ich sie vollendet habe, so viele Wanderungen; wenn ich mein Ich gerettet habe aus so vielen Gestalten und Verhängnissen, mit ihren Freuden und Leiden vertraut, gereinigt in Beiden - welche Erinnerungen, welche Genüsse, welcher Gewinn!
(von Friedrich Hebbel, entnommen aus KOS "Alles Lebendige kehrt wieder")

Meditation

Es war im zweiten Sommermond, am Tage, der da heißt Suvatra..., allda war ich in tiefste Meditation versunken, entrückt, und gelangte zur höchsten Erkenntnis, zu jähem Erfassen aller Dinge - unbegrenzt, ungehemmt, endlos erhaben und in alles umfassender Fülle.
Da begriff ich alle Dinge, erkannte alle Bedingungen der Welt, der Götter, Menschen und Dämonen, sah, woher sie kamen, erfuhr, wohin sie gehn, erblickte, ob sie einst als Mensch oder als Tier geboren wurden und ob sie Götter oder Höllenwesen werden würden.
Erkannte und erschaute die Gedanken ihres Geistes, die Bilder ihrer Seele, die Wünsche und Tätigkeiten aller, offenbare und verborgene - sah in Vergangenheit und Zukunft alle Daseinsmeere aller Dinge aufgeschlagen wie ein Buch ...
Die Seele ist ihrem Wesen nach Erkenntnis. Verfinstert ward nur ihres Wesens Licht - verhüllt nur durch das Karman, welches immerdar die Folge des Seelentriebes zur Betätigung im Körper ist.
Im Körperhaften verstrickt, strebt Trieb und Wille nur immer nach neuer Betätigung und verwirkt sich ins Irdische je länger, je mehr.
Daher wird dem aus einem ausgelebten Leibe Scheidenden, doch noch am Leben Hängenden, stets wieder ein neuer Leibe zuteil.
Das heißt: statt eines alten morschen Kerkers erhält das Menschenkind ein neu' Gefängnis, je nach Verdienst und Mißverdienst - wenn es nicht seine Kerkermauern ganz bis auf den Grund zerstört.
...
Eigene Schuld stieß die unabhängige Seele in Leibesqual - daher kann sie auch nur eigene bessernde Tat erlösen. Selbst muß sie sich befreien durch Zerstörung ihres Karmans.

(Vardhamana Jain Mahavira, aus KOS6)

Leben, leben, leben ...

Es ist nicht meine Sache, der Welt zu entsagen und mich in ein Kloster zurückzuziehen, sondern vielmehr, in der Welt zu leben und die Dinge der Welt zu lieben - nicht um ihrer selbst willen, sondern um des Unendlichen willen, das in ihnen west.
Wenn ich in den Augenblicken der Ekstase tatsächlich mit dem Absoluten eins bin, dann würde mich, falls es wahr ist, was die Inder sagen, nichts mehr berühren können; sobald sich das Karma meines gegenwärtigen Lebens ausgewirkt hat, würde ich nicht mehr zurückkehren.
Dieser Gedanke erfüllte mich mit Trauer. Ich verlangte wieder und wieder zu leben. Ich war willens jede Art des Lebens anzunehmen, ohne Rücksicht auf Schmerz und Leiden; ich fühlte, dass nur ein Leben nach dem andern mein Verlangen, meine Kraft und meinen Daseinsdurst befriedigen könnte.

(William Somerset Maugham, aus KOS6)

Gleichnis

Ein Junge ging zur Schule. Er war noch sehr klein. Sein Lehrer - es war Gott - setzte ihn in die unterste Klasse und gab ihm die Aufgabe:
Du sollst nicht töten! Du sollst keinem Wesen Leid zufügen!
Und er lernte es, nicht zu töten. Aber er war grausam und nahm, was ihm nicht gehörte.
Am Ende des Schultages, als sein Haar ergraut war und die Nacht des Todes kam, sagte sein Lehrer:
Du hast gelernt, nicht zu töten. Aber die andere Lektion hast du nicht gelernt.
Komm morgen wieder!

Am nächsten Morgen kam er wieder - als kleiner Junge. Und sein Lehrer tat ihn in die nächsthöhere Klasse und gab ihm die Aufgaben:
Du sollst keinem Wesen wehetun! Du sollst nicht stehlen!
Und er lernte es, keinem Wesen absichtlich Schmerz zuzufügen. Aber er stahl und betrog. -
Und am Ende des Tages, als die Nacht des Todes kam, sagte sein Lehrer: Du hast gelernt, barmherzig zu sein; aber die anderen Lektionen hast du noch nicht gelernt.
Komm morgen wieder!

Am nächsten Morgen kam er wieder - als kleiner Junge. Und sein Lehrer tat ihn in eine abermals höhere Klasse und gab ihm eine neue Aufgabe:
Du sollst nicht betrügen! Du sollst nicht habsüchtig sein!
Und er lernte es nicht zu stehlen. Aber er war habsüchtig und nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. -
Und am Ende des Tages, als die Nacht des Todes kam, sagte sein Lehrer:
Du hast gelernt, nicht mehr zu stehlen; aber die andere Lektion hast du noch nicht gelernt.
Komm morgen wieder, mein Kind!

Das ist es, was ich in den Gesichtern der Männer und Frauen gelesen habe, im Buche des Lebens, in der Himmelschronik, die mit Sternen geschrieben ist.

(aus KOS7)

Fragen

"Denkende Christen fordern nicht nur, dass das Leben gerecht sei, sondern auch, dass es sich als sinnerfüllt erweise.
Kann die Lehre von der Wiederkehr dazu verhelfen? Ich glaube, dass sie es tut. Nehmen wir an, dass ein völlig materialistisch eingestellter Mensch stirbt, der sein ganzes Leben, vom religiösen Standpunkt aus gesehen, missbraucht und verpfuscht hat.
Genügt nun sein bloßer Übertritt in die geistige Welt, um ihn zu wandeln?
Wäre das nicht so, als versetze man einen Menschen, der nie die Möglichkeit hatte, Musik zu verstehen, in ein Dauerkonzert?
Kann ein Mensch, der zeitlebens geistige Dinge ignorierte und verneinte, sich in einer geistigen Umwelt wohlfühlen?
Wenn eingewendet würde, er könne dort lernen, was er hier versäumte, frage ich: Kann er das wirklich?
Und - würde ein solcher Schluss nicht das Erdenleben bedeutungslos machen!
Ich glaube nicht, dass einer die Erfahrungen und Prüfungen des Erdenlebens überspringen kann.
Und wenn er versäumte, durch diese Erfahrungen und Prüfungen hindurchzugehen, die nur während der irdischen Verkörperung erlangt werden können - warum sollte er nicht wiederkehren, um sich ihnen erneut zu unterziehen?
Sind wir wirklich zum ersten Male hier?
Wenn jede Geburt die einer neuen Seele wäre, wie soll sich da ein Fortschritt vollziehen?
Jede Seele müsste dann ganz von vorn anfangen. Wie könnte da je Vollendung erreicht werden?
Wie soll die Menschheit geistig und ethisch voranschreiten, wenn die Geburt jeder neuen Generation die Welt mit unerneuerten Seelen anfüllen würde?
Ein Aufstieg zu höheren Vollkommenheiten, wie Christus sie fordert, ist nur möglich, wenn alle, die sich hier verkörpern, den Vorteil hatten, sich schon in früheren Leben für das jetzige zu schulen, und die Möglichkeit, sich in ihrem gegenwärtigen Leben für die künftigen vorzubereiten.2

(KOS)

Materialismus

Zwiefach ist aller Wesen Art;
Teils von niederer Natur.
Die göttliche beschrieb ich Dir,
Hör nun vom Los der niederen:

Die unerwachten wissen nicht,
Was Rechttun und was Nicht-Tun ist;
Wahrheit, Klugheit und Lauterkeit
Ist diesen Sklavenseelen fremd.

Die Welt ist ohne Sinn, ohn' Herrn
Und ohn' Bestand - so wähnen sie -
willkür-entsprungen, ordnungslos,
Zum Gier'n nur und Genießen da ...

...

Von solchem Denken ganz erfüllt,
Irrtumverhaftet, dem Genuss
Versklavt, sinkt er im Tod hinab
Zu nied'rer, leidvoller Geburt

...

Dreifach ist's Tor zur Unterwelt,
Durch das die Seele abwärts stürzt:
Habsucht und Zorn und Sinnengier.
Drum meide diese Dreiheit man!

(XVI. Gesang, KOS3)

Wiederkehr

Vergesst nicht, dass ich zu euch zurückkehren werde.
Eine kleine Weile noch und meine Sehnsucht wird Staub und Schaum für einen anderen Körper sammeln.
Eine kleine Weile noch, ein Augenblick des Ruhens auf dem Wind, und eine andere Frau wird mich gebären.
(KG1)

Gleichnis

Das Gleichnis, sein "Vergleich zwingt mannigfach Verwickeltes in einfache Formen zusammen".
Dadurch wird "das Vielfache, Unbeschreibliche ... für den inneren Blick zur Einheit gebändigt".
Es ist die Grenzfläche, wo "die eine Welt, ohne sie dort zu berühren, in die andere hinüberzündet".
Es ist "ein Mittel, Dinge so nahe zu bringen, dass wir ihre Nähe fühlen, dass uns ist, als bedürfe es nur einer kleinen Bewegung und wir könnten sie sehen."
(aus: W.E. Süskind, "Vom ABC zum Sprachkunstwerk" bzw. Christiansen - "Eine Prosaschule " )

In diesem Sinne ist folgendes wunderschönes Gleichnis von M.Taniguchi zu verstehen, das die dem Sinnlichen nicht wahrnehmbaren Zusammenhänge des Wirklichen, hier speziell des tieferen Sinns der Wiederverkörperung zeigt. Gekleidet in Bilder der sinnlichen Welt und dabei eine Brücke schlagend zwischen Abblid und Urbild des Geschehens.
Der Funke, der dabei überspringt ist die Erkenntnis des Sinns.

Seidenspinner

Erkennt diese Wahrheit im Gleichnis:
Nicht der Kokon, das Gespinst der Puppe, ist das Erste, aus dem die Seidenraupe hervorgeht, sondern die Raupe ist es, die den Faden des Kokons spinnt, in den der Seidenspinner sich hüllt, bis er als Schmetterling entschlüpft ...
Gleichermaßen der Geist des Menschen:
Er ist es, der den Gedankenfaden spinnt, bis mithilfe der Eltern der Kokon des menschlichen Körpers geschaffen ist, in der er, der Geist sich einhüllt und bettet, bis er, zu sich selbst erwacht, seines Eigenseins und Leidüberlegenseins bewusst wird ...
Wie der Kokon nicht der Seidenspinner ist, so ist der Körper nicht der wirkliche Mensch, sondern nur seine vergängliche Hülle und vorübergehende Wohn- und Wirkstatt.
Und wie der Seidenspinner zu seiner Zeit den Kokon zerbricht und als Schmetterling ausschlüpft und davonfliegt, so zerbricht und verlässt der Geist zu seiner Zeit den Leibes-Kokon und schwingt sich empor in die geistige Welt, seine wirkliche Heimat.
...
Halte darum nicht des Leibes Vergehen für den Tod des wirklichen Menschen;
denn der wirkliche Mensch ist Träger ewigen Lebens und von keinem Tode erreichbar.
Wohl durchschreitet er nach dem Grade seiner Entwicklung und Reifung und gemäß den Schicksalsgesetzen des Karma die verschiedenen Körper und Lebensstufen;
aber er selbst - als Geist - wird davon nicht berührt, er kennt weder Leid noch Kranksein, weder Altern noch Tod ...
(MT2, "Das erste Sutra")

Das gleiche Bild verwendet Swami Vivekananda in seinem "praktischen Vedanta" um das Karma, seine Ursachen und den Weg zu dessen Überwindung aufzuzeigen ...

Seidenwürmer

... wir sind wie Seidenwürmer. Wir bilden den Faden aus unserer eigenen Substanz und spinnen den Kokon, und mit der Zeit sind wir darin eingekehrt.
Aber dies dauert nicht ewig. In diesem Kokon werden wir die spirituelle Verwirklichung entwickeln, und dem Schmetterling gleich werden wir frei werden. Dieses Netzwerk des Karma haben wir um uns selbst herumgewoben; und in dieser Unwissenheit fühlen wir uns wie gebunden und klagen und jammern um Hilfe.
Aber die kommt nicht von außen; sie kommt aus uns selber.
Rufe alle Götter im Universum an!
Ich rief sie jahrelang an, und zuletzt fand ich Hilfe. Aber die Hilfe kam von innen.
Und ich musste unterlassen, was ich aus Irrtum getan hatte.
Das ist der einzige Weg. Ich musste das Netz durchschneiden, das ich selber um mich gewoben hatte, und die Kraft dies zu tun, liegt im Innern.
Dessen bin ich gewis, dass kein wohlgeleitetes noch missgeleitetes Bestreben meines Lebens vergeblich gewesen ist, sondern dass ich die Resultate meiner gesamten Vergangenheit bin, der guten, wie der bösen.
Ich habe mancherlei Irrtümer in meinem Leben begangen, aber ... ich bin dessen sicher, dass ich ohne jeden einzelnen dieser Fehler nicht das wäre, was ich heute bin, und so bin ich völlig zufrieden, sie begangen zu haben.
Ich meine nicht, dass sie nach Hause gehen und vorsätzlich Fehler begehen sollen; missverstehen sie mich nicht auf diese Weise.
Aber seien sie nicht betrübt um der Fehler willen, die sie begangen haben, sondern halten sie sich versichert, das letzten Endes sich alles zum Rechten wendet. Es kann nicht anders sein, weil Güte unsere Natur ist, Reinheit unsere Natur ist, und diese Natur kann niemals vernichtet werden.

Lebenshaus

"Nahmst Du in diesem großen Haus
Nicht selbst Quartier?
Mißfällt es dir, so zieh doch aus.
Wer hält dich hier?

Und schimpfe auf die Welt mein Sohn,
Nicht gar zu laut.
Eh du geboren, hast du schon
Mit dran gebaut."

Gerechtigkeit

Wer hier in diesem Leben, untätig war und seinen Geist nur brauchte, um seinen Körper zu bewegen, zu nähren und zu vergnügen, von dem wird auch nur ein unbedeutendes Wesen übrig bleiben.
Und so wird der Reichste der Ärmste werden, wenn er sein Vermögen nur verwendet, um seine Kraft zu sparen und der Ärmste wird der Reichste, wenn er seine Kraft verwendet, um das Leben redlich zu meistern.
Das ist die große Gerechtigkeit, dass jeder sich die Bedingungen seines zukünftigen Seins selbst schafft. Seine Handlungen werden nicht durch äußerliche Belohnungen oder Strafen vergolten; es gibt keinen Himmel und keine Hölle im gewöhnlichen Sinne dieser Worte, wohin die Seele nach dem Tode käme.
Die Seele macht weder einen Sprung aufwärts, noch einen Fall abwärts, noch zerfließt sie in das Allgemeine, sondern nachdem sie die große Wandlung, die wir den Tod nennen, überstanden hat, entwickelt sie sich nach der unwandelbaren Folgerichtigkeit der Natur auf der Erde von neuem fort in einem und zu einem höheren Sein; und je nachdem der Mensch gut oder schlecht, edel oder gemein gehandelt, tätig oder müßig gewesen, wird er im folgenden Leben einen gesunden oder kranken, einen schönen oder hässlichen, einen starken oder schwachen Charakter und Organismus sein eigen nennen, und seine Tätigkeit in dieser Welt wird seine Stellung zu den anderen Geistern, seinen Schicksalsweg, seine Anlagen und Talente für sein weiteres Fortschreiten in jener Welt bestimmen.

Neues Erleben

"Wieder seh ich Schleier sinken,
Und Vertrautestes wird fremd,
Neue Sternenräume winken,
Seele schreitet traumgehemmt.

Abermals in neuen Kreisen
Ordnet sich um mich die Welt,
Und ich seh mich eiteln Weisen
Als ein Kind hineingestellt.

Doch aus früheren Geburten
Zuckt entfernte Ahnung her:
Sterne sanken, Sterne wurden,
Und der Raum war niemals leer.

Seele beugt sich und erhebt sich,
Atmet in Unendlichkeit,
Aus zerrißnen Fäden webt sich
Neu und schöner Gottes Kleid."
(Hermann Hesse)

Freundschaft

Am Ufer des Zuger Sees saß ein armer Korbflechter und flocht seine Körbe. Er konnte sonst nichts weiter als diese Körbe flechten und sein kleines Haus betreuen, in dem er einsam mit seinem Hund lebte – es war ein grauer Spitz, unscheinbar wie sein Herr, aber voller Aufmerksamkeit für dessen Arbeit und immer freundlich und geneigt zur Unterhaltung. Denn der Korbflechter unterhielt sich mit seinem Hunde und sprach mit ihm, wie man mit einem Menschen spricht. Die Leute fanden das sonderbar und sagten, daß der Mann ein wenig einfältig wäre. Vielleicht war er das, vielleicht aber war er sehr klug, denn mit den Menschen sprach er fast gar nicht. Es hätte auch keinen Zweck gehabt; denn die anderen Leute waren alle so überaus vernünftig, und darum glaubten sie es nicht, was der Korbflechter erzählte. Denn er sah vieles, was die anderen nicht sehen konnten. Einige meinten, er wäre hellsichtig, aber sie lachten darüber. Es war besser mit dem Spitz zu reden, der verstand immer, was der Korbflechter sagte, und er war auch immer der gleichen Meinung. Sie waren sehr gute Freunde, und einer hielt viel vom anderen. Auch darüber lachten die Leute. Die Körbe aber kauften sie, denn es war gute und sehr sorgsame Arbeit und oft überaus kunstvoll geflochten. Nur war es seltsam, daß der Korbflechter nur immer die gleichen Muster flechten konnte, und daß diese Muster stets an die Zeichnungen der Pfahlbauzeit erinnerten, das war noch seltsamer. Man kannte ja diese Zeichnungen aus dem Museum in Zürich. Der Korbflechter freilich hatte sie niemals gesehen; denn er war nicht in Zürich gewesen und hatte seine kleine Heimatstadt nie verlassen. Wenn aber jemand ein anderes Muster von ihm haben wollte, dann schüttelte er den Kopf und flocht doch wieder die alten. Und so gewöhnte man sich daran.

Es war am Nordufer des Sees, wo man die starren Häupter von Rigi und Pilatus sieht und in der blauen Ferne die Schneekronen der Berner Berge. In der Nähe des Korbflechters arbeiteten einige Archäologen an einer Ausgrabung, wie sie der See schon mehrfach aus seinem geheimnisvollen Schoß herausgegeben hatte. Sonst war es still und menschenleer, auch die Vögel schwiegen in den Bäumen, unbeweglich lag der klare Wasserspiegel, und vom Zuger Zeitturm schlug die Mittagsstunde. Zwölf Uhr mittags ist eine geheimnisvolle Stunde. Es ist, als wäre etwas Altes abgelaufen, als stehe die Zeit still und warte auf etwas Neues, auf irgendein Wunder, das auf schimmernden Schwingen durch den stillen Sonnenfrieden gleiten müsse. Es war ein Warten in allem, was lebt, ein Warten auf etwas, das man nicht kennt, das aber sehr schön und sehr wunderbar sein muß und anders, ganz anders als das ganze andere Leben. Es ist eine sehr geheimnisvolle Stunde, man muß nur in ihr lesen können. Das können nur sehr wenige Menschen, und wer es kann, über den lachen die Leute. Es ist schade drum, denn die Welt wäre besser und glücklicher, wenn die Menschen in der Mittagsstunde lesen könnten.

Der Korbflechter ließ seine Arbeit sinken und sah weit hinaus auf den klaren Wasserspiegel, der in der Sonne blitzte. Wob die Sonne nicht Bilder im Wasserdunst, trug der leise, kaum merkbare Wind nicht Worte herüber aus einer alten Zeit? War es überhaupt heute, war es nicht gestern, war es nicht viele tausend Jahre her, daß dieses Gestern war? Der Korbflechter sah weithinaus, mit fernen, erdfremden Augen, und seine Hand flocht das gewohnte Muster, das alte, immer geübte, mit sehr einfachen Zeichen. Eine seltsame Sehnsucht sang in seiner Seele.

»Siehst du, Spitz, wie der Kahn geschwommen kommt über den stillen See? Siehst du, wer darin sitzt? Das bist du und ich. Es ist ein Einbaum, aus einem Stamm gehöhlt mit Feuerbränden und mit einem Stein. Es ist ein schöner Nachen, und es sitzt noch jemand drin, erkennst du sie, die Frau mit den langen, nachtdunklen Haaren? Wir drei gehörten zusammen, aber sie ist nun woanders. Ich habe sie nie gesehn in diesem Leben, aber meine Seele sucht sie. Nur wir beide sind zusammengeblieben, nicht wahr, Spitz? Kannst du sehen, wie sie den Kahn langsam vorwärts treibt? Du bist in der Mitte, und ich sitze unten und flechte einen Korb zum Fischfang. Das konnte ich damals schon – es sind auch dieselben Muster darin wie heute. Du hattest rauhere Haare, Spitz, und warst ein wenig größer.«

Der Spitz wedelte und sah sehr klug zu seinem Herrn auf. Natürlich war er der gleichen Meinung.

»Der Kahn treibt vorwärts, er kommt in eine Strömung, wir sind nun gleich zu Hause. Siehst du, dort ist unser Haus, auf den großen Pfählen, wo jetzt die klugen Gelehrten stehen und suchen. Aber sie sehen das Haus nicht, und dabei ist es doch Mittag, und man kann drin lesen, wenn's Mittag ist. Es ist ein schönes Haus und soviel Frieden darin und ringsum die Wälder und Berge. Die Sonne scheint auf die nackten Glieder, es ist so herrlich zu leben, viel schöner, als es heute ist. Wie das Wasser leise an den Kahn schlägt, als sänge es etwas – jetzt winken und rufen sie vom Hause ...«

Der Spitz stand auf und schmiegte sich unruhig an.

»Aber was rufen sie? Es ist vorbei mit dem Frieden, Spitz. Sie zeigen auf den Wald, es blitzt von Waffen auf, und die, welche kommen, sind anders als wir. Sie haben glänzende Äxte und Schwerter, und wir haben nichts als Waffen von Stein. Es ist eine neue Zeit, und die Mittagsstunde ist vorüber. Sieh nicht mehr hin, Spitz, sie erschlagen uns alle, es ist gräßlich. Ach, die arme schöne Frau mit den nachtdunklen Haaren! Nun sind wir die letzten, Spitz, du und ich, aus unserem zerstörten Hause. Aber wir lassen nicht voneinander, wir stehen zusammen und wir sterben zusammen, wir sind ja Freunde.«

Der Hund knurrte und stellte sich mit gesträubten Haaren vor seinen Herrn.

»Der Stoß galt dir, Spitz, aber ich habe ihn aufgefangen. Der Schlag galt mir, aber du hast dich vor mich geworfen. Nun sterben wir beide, Spitz. Ach, es ist lange her, und wir waren damals glücklicher als heute. Aber wir sind auch heute noch zusammen, und wir sind wieder hier, wo wir damals waren, ist das nicht sonderbar, Spitz? Aber es ist gut so, daß wir zusammen sind, wir bleiben auch hier wieder, was wir einmal waren. Nun ist es aus, und die Mittagsstunde ist vorüber, wie sie damals vorüber war, als unser Haus ganz zerstört wurde.«

Der Korbflechter legte den Arm um den Hund und streichelte ihn. Der See lag reglos in der Mittagsglut, Rigi und Pilatus reckten die starren Häupter in die blaue, klare Luft, und von ferne leuchteten die weißen Kronen der Berner Berge – wie vor vielen tausend Jahren.

Die Archäologen am Ufer waren sich klargeworden.

»Es ist eine interessante Berührungsfläche der neolithischen Periode mit der ersten Bronzezeit, offenbar durch einen Überfall verursacht«, sagte der eine, »besonders wertvoll hier sind auch die Knochen des Torfhundes, canis familiaris palustris, der hier bereits als Gefährte des Menschen festgestellt werden kann. In dieser Vereinzelung weist er, scheint es, auf seine Zugehörigkeit zur zerstörten Niederlassung des primitiveren Volksstammes hin. Ein großes Stück Kulturgeschichte auf einem kleinen Raum ...«

»Hörst du, Spitz, was sie erzählen?« sagte der Korbflechter zu seinem Hunde, »es ist ein großes Stück Kulturgeschichte, meinen sie, und sie werden es wissen, denn es sind ja gelehrte Herren. So wird es wohl ein Stück Kulturgeschichte sein – aber nicht wahr, Spitz, wir wissen es besser, es ist noch mehr als das, es ist die Geschichte einer Freundschaft!«

Seelenwohnung

Nimmer vergeht die Seele, vielmehr die frühere Wohnung tauscht sie mit neuem Sitz und lebt und wirkt in diesem.

Reinkarnation

Vorbemerkung:
Aus dem Buch "Das Meer der Theosophie" von William Quan Judge habe ich ein Kapitel übernommen, das in sehr knapper Form den Grundgedanken der Reinkarnation beschreibt und vor allem die Einwände dagegen untersucht und ins rechte Licht rückt. Ich habe den Text in Sinnabschnitte gegliedert und ein paar Überschriften hinzugefügt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Am Text selbst habe ich nichts verändert.
Obwohl der Text aus dem späten 19. Jahrhundert stammt, hat er nichts von seiner Gültigkeit verloren. Die Wissenschaft mag viel neues Wissen angehäuft haben, ist jedoch noch genauso erkenntnisblind wie damals, weil sie eben nicht in der Lage ist über den Tellerrand zu schauen, das Nicht-Sichtbare, jedoch alleinig Wirkende und Wesenhafte zu sehen.
Ein jeder von uns hat die Wahl sein Leben entweder in Blindheit zu verbringen oder das Sehen zu lernen (die Augen zu öffnen), den Sinn zu finden und zu leben oder in der Vergänglichkeit sinnleer dahinzuvegetieren.

***

Im Westen, wo das Lebensziel im kommerziellen, sozialen, finanziellen oder wissenschaftlichen Erfolg, das heißt im persönlichen Profit und in der eigenen Größe und Macht gesehen wird, schenkt man dem wahren Leben des Menschen nur wenig Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu den Orientalen legen wir auf die Lehre der Präexistenz und Reinkarnation nur wenig Gewicht.
Dass die Kirche diese Lehre ablehnt, ist für viele Menschen genug, jede Diskussion darüber auszuschließen. Da sie sich auf die Kirche verlassen, ziehen sie die Ruhe aus ihrem Glauben an Dogmen vor, auch wenn diese unlogisch sind. Da man sie lehrte, die Kirche könne sie der Hölle überliefern, genügt bereits die blinde Furcht vor dem Anathema, das ca. 500 n. Chr. auf dem Konzil von Konstantinopel gegen die Reinkarnation ausgesprochen wurde, diese Menschen von der Annahme der ‘verdammten’ Theorie abzuhalten. Bei der Diskussion über diese Lehre vertritt die Kirche heute auch den Einwand, die Menschen würden durch eine Überzeugung, dass sie viele Leben zu leben hätten, der starken Versuchung ausgesetzt, die Gegenwart einfach hinzunehmen und dem Bösen hemmungslos zu folgen.
So absurd dieser Einwand auch erscheint, wird er doch von gelehrten Jesuiten verbreitet mit der Begründung, die Menschen würden lieber die gegenwärtige Chance wahrnehmen als auf eine andere zu warten.
Wenn es tatsächlich keine Vergeltung gäbe, wäre das ein guter Einwand. Da aber die Natur für jeden Übeltäter eine Nemesis hat und da jeder durch das Gesetz des Karma – durch das Gesetz von Ursache und Wirkung und absoluter Gerechtigkeit – in jedem Leben die exakten Folgen für seine guten und bösen Gedanken und Taten aus früheren Leben selbst auf sich nehmen muss, ist damit das Fundament für seine ethische Lebensführung gelegt. Sie ist durch dieses System sichergestellt, weil kein Mensch aufgrund irgendeiner Möglichkeit, Gunst, Verfügung oder aufgrund eines Glaubens den Konsequenzen entfliehen kann. Wer diese Lehre begreift, wird durch das Gewissen und durch die ganze Kraft der Natur zum Guten bewegt, damit er Gutes empfange und glücklich werde.
Es wird behauptet, die Lehre von der Wiedergeburt sei unsympathisch und unerfreulich, weil sie einerseits kalt sei, keine Gefühle zulasse und es uns verbiete, willentlich ein Leben aufzugeben, das wir als zu leidvoll empfinden. Andererseits böte die Reinkarnation anscheinend keine Gelegenheit, unseren Lieben zu begegnen, die vor uns dahingegangen sind. Aber ob es uns passt oder nicht – die Naturgesetze wirken unbeirrbar; Meinungen oder Gefühle vermögen auf keine Weise eine Wirkung abzuwenden, die einer Ursache folgen muss. Wenn wir verdorbene Nahrung essen, muss das üble Folgen haben.
Der Vielfraß begehrt von der Natur, sich ohne Verdauungsstörungen vollschlagen zu können, aber die Naturgesetze lassen sich nicht beiseiteschieben.

Wiedersehen Verstorbener
Der Einwand gegen die Reinkarnation, wir würden unsere Lieben im Himmel nicht wiedersehen, wie es die dogmatische Religion verspricht, setzt einen kompletten Stillstand der Evolution und des Fortschritts unserer Lieben voraus, die vor uns die Erde verlassen haben, und geht davon aus, das Wiedererkennen sei von der physischen Erscheinung abhängig. Aber so wie wir in diesem Leben fortschreiten, müssen wir das auch nach dem Weggang tun, und es wäre ungerecht, andere auf uns warten zu lassen, damit wir sie wiedererkennen können. Wenn man über die natürlichen Konsequenzen aus dem Aufstieg zum Himmel nachdenkt, bei dem alle irdischen Fesseln abgeworfen werden, so ist es klar, dass diejenigen, die beispielsweise zwanzig Erdenjahre vor uns dort sind, in mentalen und spirituellen Dingen Fortschritte gemacht haben müssen, für die hier unter anderen und sehr günstigen Bedingungen viele Jahrhunderte nötig wären. Wie könnten wir dann als spätere und noch unvollkommene Neulinge diejenigen noch wiedererkennen, die sich im Himmel unter solch günstigen Bedingungen vervollkommnet haben? Und da der Körper bekanntlich zur Auflösung zurückgelassen wird, liegt es auf der Hand, dass das Wiedererkennen im spirituellen und mentalen Leben nicht von der physischen Erscheinung abhängig sein kann. Doch nicht nur dieses ist klar, da wir vielmehr wissen, dass ein unschöner und entstellter Körper häufig ein glänzendes Denkvermögen und eine reine Seele birgt, und ein schönes Äußeres – wie bei den Borgias – einen teuflischen Charakter verbergen kann, ist die physische Erscheinung keine Garantie für das Wiedererkennen in jener Welt, in der es keinen physischen Körper gibt. Und die Mutter, die ihr Kind verloren hat, das zum Erwachsenen herangereift war, muss wissen, dass sie das Kind als Baby ebenso liebte wie danach, wenn die große Verwandlung im späteren Leben die Gestalt und Gesichtszüge der frühen Jugend völlig beseitigt hat.
Die Theosophen wissen, dass dieser Einwand angesichts des ewigen und reinen Seelenlebens keine Gültigkeit besitzt. Die Theosophie lehrt auch, dass diejenigen, die einander ähnlich sind und sich lieben, wieder zusammen reinkarnieren werden, wann immer die Verhältnisse es gestatten. Wenn einer von uns auf dem Weg des Fortschritts weiter vorangeschritten ist, dann wird er sich immer bewogen fühlen, diejenigen zu unterstützen und zu fördern, die zur gleichen Familie gehören. Wenn aber jemand roh, selbstsüchtig und bösartig geworden ist, würde sich niemand in irgendeinem Leben seine Gesellschaft ersehnen. Das Wiedererkennen hängt vom inneren spirituellen Auge ab, und nicht von der äußeren Erscheinung; daher ist dieser Einwand nicht stichhaltig. Und die andere Phase des Wiedererkennens bezogen auf den Verlust von Eltern, Kindern oder Verwandten beruht auf der irrigen Meinung, dass – so wie die Eltern dem Kind den Körper geben – sie ihm auch seine Seele schenken. Die Seele ist jedoch unsterblich und elternlos; daher ist dieser Einwand grundlos.

Vererbung und Reinkarnation
Manche behaupten, die Vererbung widerlege die Reinkarnation. Wir sehen in ihr einen Beweis. Die Vererbung, durch die wir in einer Familie einen Körper erhalten, sichert dem Ego die passenden Verhältnisse. Das Ego tritt nur in eine Familie ein, die entweder seiner ganzen Natur völlig entspricht oder ihm eine Gelegenheit zur Ausarbeitung seiner Evolution bietet und die außerdem aufgrund früherer Inkarnationen oder gemeinsam geschaffener Ursachen mit ihm verbunden ist.
Deshalb kann eine gegenwärtig gute Familie ein Problemkind bekommen, weil Eltern und Kind durch frühere Handlungen unauflöslich miteinander verbunden sind. Es bietet sich damit eine Chance zur Besserung für das Kind und eine Gelegenheit zur Bestrafung der Eltern. Das zeigt die leibliche Vererbung als ein natürliches Gesetz, dem die Körper unterliegen, die wir bewohnen müssen, geradeso wie die Häuser einer Stadt das Denken ihrer Erbauer widerspiegeln. Und da wir selbst und auch unsere Eltern die Körper hervorgebracht und beeinflusst haben und für die sozialen Verhältnisse mitverantwortlich sind, die die Entwicklung des physischen Körpers und des Gehirns aufgehalten oder gefördert, erniedrigt oder veredelt haben, sind wir auch in diesem Leben für die Kultur verantwortlich, in der wir jetzt zur Welt kommen. Wenn wir aber auf die Charaktere in den menschlichen Körpern achten, sehen wir große inhärente Unterschiede. Diese sind der inneren Seele zuzuschreiben, die in der Familie, Nation oder Rasse leidet oder sich freut, in der sie durch ihre eigenen Gedanken und Handlungen in vergangenen Leben unausweichlich zur Inkarnation gebracht wird.
Die Vererbung sorgt für die Behausung und bestimmt auch die Leistungsgrenzen von Gehirn und Körper, die oft eine Strafe und manchmal eine Hilfe sind. Sie beeinflusst jedoch nicht das wirkliche Ego. Die Übertragung von Merkmalen ist eine physische Angelegenheit, die nur bedeutet, dass in einem Volk die Wirkungen aus den früheren Leben aller Egos, die sich in diesem Volk befinden, wieder hervortreten. Die einem Ego durch die familiäre Vererbung auferlegten Beschränkungen entsprechen genau den Folgen aus den früheren Leben dieses Egos.
Dass ganz bestimmte physische Züge und mentale Eigentümlichkeiten übertragen werden, widerlegt nicht die Reinkarnation, da wir wissen, dass das lenkende Denkvermögen und der wirkliche Charakter eines jeden kein Ergebnis des Körpers und Gehirns ist, sondern dem Ego in seinem essenziellen Leben eigen sind. Die Übertragung von Gewohnheiten und Neigungen durch Eltern und Körper ist genau die von der Natur gewählte Methode, das inkarnierende Ego mit der zur Fortführung seiner Arbeit nötigen Behausung zu versehen; ein anderer Modus wäre unmöglich und der Naturordnung zuwider.
Wer auf den Einwänden aus der Vererbung beharrt, vergisst, dass die Übereinstimmungen betont, die Abweichungen jedoch übersehen werden. Zwar wurden bei Untersuchungen viele in der Vererbungslinie liegende Merkmale registriert, nicht aber die Abweichungen in der Vererbung, die weitaus zahlreicher sind. Jede Mutter weiß, dass die Kinder in ihrer Familie charakterlich so verschieden sind, wie die Finger einer Hand – sie stammen alle von denselben Eltern, sind aber an Charakter und Fähigkeiten völlig verschieden.
Die Weltgeschichte, aus der sich keinerlei konstante Übertragung von Gelehrsamkeit, spirituellen Kräften und Begabungen erkennen lässt, wirft den Anspruch der Vererbungslehre, das umfassende Gesetz und die vollständige Erklärung zu sein, völlig über den Haufen. Zum Beispiel zeigt der Untergang der alten Ägypter, die schon lange verschwunden sind und deren Vererbungsstrom versiegt ist, dass keine Vererbung in die Nachkommen stattfand. Wenn die physische Vererbung die Charakterfrage lösen würde, wo ging dann der großartige Charakter der Ägypter verloren? Die gleiche Frage gilt auch für die anderen untergegangenen alten Völker. Wenn wir einen Einzelfall heranziehen, zum Beispiel den großen Musiker Bach, dann zeigt sich bei seinen direkten Nachkommen eine fortwährende Abnahme an musikalischer Begabung, bis sie in der Familie ganz versiegt. Theosophie lehrt nun, dass in beiden Fällen – und analog in allen anderen – die wirklichen Fähigkeiten und Begabungen zwar aus der Familie und aus dem Volk verschwunden sind, dass sie aber in den Egos, von denen sie einst zum Ausdruck gebracht wurden und die sich jetzt vielleicht in einer anderen Familie und Nation der Gegenwart verkörpert haben, erhalten geblieben sind.
Leiden sind wohl fast allen Menschen beschieden. Viele haben von der Wiege bis zum Grab ein sorgenvolles Leben.
Daraus ergibt sich der Einwand, dass Reinkarnation ungerecht sei, weil wir für das Böse leiden müssten, das von einer anderen Person in einem anderen Leben verübt worden sei. Dieser Einwand fußt auf der falschen Annahme, jene Person in dem anderen Leben sei jemand anderer gewesen. Aber in jedem Leben ist es dieselbe Person. Wenn wir wiederkommen, dann nehmen wir weder den Körper noch die Taten und Gedanken eines anderen an, sondern wir gleichen einem Schauspieler, der viele Rollen spielt, aber immer derselbe Künstler bleibt, wenn sich auch die Gewänder und Texte in jedem neuen Spiel ändern. Shakespeare hatte völlig recht, als er sagte: Das Leben ist ein Schauspiel, denn das große Leben der Seele ist ein Drama und jedes neue Leben und jede Wiederverkörperung ist ein weiterer Akt, in dem wir eine andere Rolle spielen und ein neues Gewand tragen, obwohl wir die ganze Zeit hindurch immer dieselbe Individualität sind. Reinkarnation ist also nicht ungerecht, sondern im Gegenteil vollkommene Gerechtigkeit und auf keine andere Weise könnte Gerechtigkeit gewahrt werden.

Erinnerung an frühere Leben
Aber es wird gesagt: Warum können wir uns, wenn wir uns wiederverkörpern, nicht an die früheren Leben erinnern? Und weiter: Wenn wir uns nicht an die Handlungen erinnern können, für die wir jetzt leiden müssen, dann ist das doch ungerecht?
Wer solche Frage stellt, übersieht immer, dass er im Leben auch Freude erlebt und Belohnungen erhält und beides stillschweigend und zufrieden akzeptiert. Denn wenn es ungerecht ist, dass wir bestraft werden für Taten, an die wir uns nicht erinnern, dann ist es ebenfalls ungerecht, wenn wir für andere Taten belohnt werden, an die uns jede Erinnerung fehlt. Geburt allein ist keine geeignete Grundlage für irgendeine Belohnung oder Bestrafung. Lohn und Strafe müssen der gerechte Ausgleich früheren Verhaltens sein. Das Naturgesetz der Gerechtigkeit ist nicht unvollkommen. Nur die Unvollkommenheit des menschlichen Rechtswesens ist darauf angewiesen, dass der Täter die Tat in diesem Leben kennt und sich ihrer erinnert, über die eine Strafe verhängt wird. In den früheren Erdenleben war sich der Täter seiner Taten genau bewusst. Die Natur, die seinen Handlungen entsprechende Folgen zeitigt, ist daher völlig gerecht.
Wir wissen gut, dass die Natur der Ursache die Wirkung folgen lässt, ohne Rücksicht auf unsere Wünsche und ganz gleich, ob wir uns an unsere Taten erinnern oder nicht. Wenn ein Baby in seinen ersten Lebensjahren durch ein Kindermädchen so verletzt wird, dass die Grundlage für eine Schwächung in einem späteren Leben geschaffen ist – was oft der Fall ist –, wird die Schwächung auftreten, obwohl das Kind die gegenwärtige Ursache weder veranlasste noch überhaupt etwas davon weiß.
Die Reinkarnation mit der ergänzenden Lehre über Karma zeigt jedoch, wenn sie richtig verstanden wird, wie vollkommen gerecht der ganze Lebensplan der Natur ist.
Die Erinnerung an ein vergangenes Leben ist nicht erforderlich als Beweis, dass wir durch diese frühere Existenz gegangen sind, noch ist die Tatsache, dass die Erinnerung fehlt, ein guter Einwand. Wir vergessen ja auch den größeren Teil der Erlebnisse aus den Jahren und Tagen dieses Lebens; aber niemand würde deswegen behaupten, wir hätten diese Jahre nicht gelebt. Wir erlebten und behielten nur wenige Einzelheiten im Kopf, aber alle daraus hervorgegangenen Wirkungen auf unseren Charakter wurden bewahrt und in uns integriert. Die gesamte Menge der Einzelheiten eines Lebens wird von dem inneren Menschen aufbewahrt und eines Tages, in einem anderen Leben, wenn wir vollkommen geworden sind, wird alles wieder der Erinnerung voll bewusst sein. Selbst jetzt, wo wir noch unvollkommen sind und wenig wissen, zeigen hypnotische Experimente, dass selbst die geringfügigsten Einzelheiten in dem Teil unseres Bewusstseins registriert sind, der gegenwärtig als Unterbewusstsein bezeichnet wird. Die theosophische Lehre lautet, dass tatsächlich kein einziges Ereignis verlorengeht. Und am Ende des Lebens, wenn die Augen geschlossen sind und die Umstehenden uns als tot bezeichnen, zieht jeder Gedanke und Umstand des Lebens blitzartig und lebendig durch unser Bewusstsein.
Es gibt aber viele Menschen, die sich daran erinnern, dass sie schon früher gelebt haben. Dichter haben das besungen und Kinder wissen es gut, bis der dauernde Aufenthalt in einer Atmosphäre des Unglaubens ihnen vorerst die Wiedererinnerung aus ihrem Bewusstsein verdrängt. Alle Menschen sind jedoch den Beschränkungen unterworfen, die das neue Gehirn dem Ego in jedem Leben auferlegt. Daher können wir auch die Bilder der Vergangenheit – ob nun aus diesem oder einem früheren Leben – nicht festhalten. Das Gehirn ist das Instrument für das Gedächtnis der Seele. Da es in jedem Leben neu ist und nur eine begrenzte Leistungsfähigkeit besitzt, kann es vom Ego für das neue Leben nur im Rahmen seiner Kapazität eingesetzt werden. Diese Kapazität wird vollständig genutzt oder auch nicht – entsprechend dem eigenen Verlangen des Egos und seiner früheren Verhaltensweise, weil die vergangene Lebensweise seine Kraft zur Überwindung der materiellen Daseinseinflüsse verstärkt oder geschwächt hat.
Ein Leben nach den Geboten der Seele macht das Gehirn für die Wiedererinnerung der Seele zumindest durchlässig. Bei einer entgegengesetzten Lebensweise werden jedoch immer mehr Wolken der Rückerinnerung verdunkelt. Da das Gehirn am letzten Leben jedoch nicht beteiligt war, kann es sich im Allgemeinen nicht erinnern. Das ist ein weises Gesetz, denn wir würden uns sehr elend fühlen, wenn die Taten und Szenen unserer früheren Leben nicht so lange unserem Blick entzogen wären, bis wir durch Schulung befähigt sein werden, ihre Kenntnis zu ertragen.

Seelenanzahl und Weltbevölkerung
Ein weiterer Einwand gegen die Reinkarnationslehre besagt, dass es bei ihrer Annahme nicht möglich sei, die Zunahme der Weltbevölkerung zu erklären. Das setzt voraus, dass wir die Bevölkerungszunahme mit Sicherheit kennen [Ende 19. Jahrhundert] und über die ständigen Fluktuationen informiert sind.
Es ist jedoch nicht sicher, ob die Erdbevölkerung zugenommen hat. Es kommen ja auch alljährlich große Menschenmassen um, worüber wir nichts wissen. In China sind bei Überschwemmungen Jahr für Jahr viele Tausende umgekommen. Sichere Statistiken über die Auswirkungen von Hungersnöten gibt es nicht.
Wir wissen nicht, um wie viele Tausende in Afrika die Todesfälle die Geburten jährlich übersteigen. Der Einwand stützt sich auf unvollständige Tabellen, die nur für die westlichen Länder gelten. Ferner wird angenommen, dass es weniger nicht inkarnierte und auf Inkarnation wartende Egos gibt als verkörperte Egos, und das ist falsch. Annie Besant hat das in ihrer Studie ‘Reinkarnation’ gut dargestellt. Sie vergleicht darin den bevölkerten Erdball mit einer Stadthalle, die von der viel zahlreicheren Stadtbevölkerung gefüllt wird. Die Besucherzahl mag variieren, die Stadt bietet jedoch eine ständige Nachschubmöglichkeit. Es ist richtig, dass zu diesem Erdglobus eine ganz bestimmte Anzahl Egos gehört; aber niemand kennt ihre Menge noch weiß jemand, wie viele Menschen die Erde zu ernähren vermag. Die heutigen Statistiker leben hauptsächlich im Westen. Ihre Tabellen umfassen nur einen kleinen Abschnitt der Menschheitsgeschichte. Sie können nicht sagen, wie viele Menschen zu irgendeinem früheren Zeitpunkt auf der Erde inkarniert waren, als der Erdball überall bevölkert war. Deshalb ist auch die Zahl der Egos, die zur Wiedergeburt drängen oder auf sie warten, den heutigen Menschen unbekannt. Die Meister der theosophischen Wissenschaft erklären, dass die Gesamtmenge solcher Egos ungeheuer groß ist und deshalb genügend
Nachschub für die Versorgung der neugeborenen Körper vorhanden ist, auch wenn die Zahl der Neugeborenen die der Sterbenden übertreffen sollte. Dann muss man auch daran denken, dass jedes Ego die Aufenthaltsdauer in den nachtodlichen Zuständen selbst variiert. Sie inkarnieren nicht in gleichen Intervallen, sondern kommen aus dem nachtodlichen Zustand in ganz verschiedenen Zeitabständen zurück. Wenn durch Krieg, Seuche oder Hungersnot viele Todesfälle eintreten, dann entsteht sofort ein großer Zustrom von Seelen, die dann am gleichen Ort oder anderswo oder in einer anderen Rasse inkarnieren. Die Erde ist in der großen Zahl bewohnbarer Planeten ein so kleiner Weltkörper, dass genügend Nachschub für Egos für die Inkarnation hier besteht. Bei allem Respekt für Befürworter dieses Einwands erkenne ich in ihm nicht die geringste Beweiskraft oder Beziehung zu der Wahrheit der Reinkarnationslehre.